Veranstaltungsarchiv

Donnerstag, 16. Mai 2019, 19.00 Uhr

Prof. Dr. Ulrich Riller, Hamburg

Auswirkungen großer Meteoriteneinschläge

Große Meteoriten-Einschlagskrater auf den terrestrischen Planeten unseres Sonnensystems zeigen topographische Ringgebirge innerhalb des Kraterrandes. Das von einem Meteoriten getroffene Gestein muss dazu zunächst fließfähig werden, um sich über weite Distanzenschnell bewegen zu können, und anschließend an Festigkeit gewinnen, um die während der Kraterbildung entstandenen Ringgebirge zu erhalten. Dies bedeutet eine extreme Änderung des mechanischen Verhaltens innerhalb von Minuten. Untersuchungen des Bohrkerns des Chicxulub-Kraters in Mexiko und Simulationsrechnungen ermöglichen es, den zeitlichen Ablauf des vor rund 66 Millionen Jahren erfolgten Einschlags mitsamt seinen morphologischen Auswirkungen zu rekonstruieren. Zudem konnten erstmals Hinweise für den Prozess der akustischen Fluidisierung gefunden werden, einen seit längerem diskutierten Mechanismus, durch den Gesteine kurzfristig fließfähig werden. Zusätzlich zu diesen Erkenntnissen über die Bildung großer Einschlagskrater wird am Beispiel des Sudbury-Kraters in Kanada die Bedeutung langzeitlicher Kratermodifikation für die Bildung gigantischer Metalllagerstätten angesprochen.

 

Donnerstag, 25. April 2019, 19.00 Uhr

Dr. Lydia Möcklinghoff, Bonn

Das brasilianische Pantanal und einer seiner seltsamsten Bewohner, der Große Ameisenbär

Das Pantanal ist ein riesiges Feuchtgebiet im Inneren von  Brasilien und mehr als halb so groß wie die Bundesrepublik. Allein die Artenfülle an  Vögeln und Säugetieren ist atem-beraubend – kein Wunder also, dass das Pantanal zu den Welterbestätten gehört – und heute gleichwohl einer Mehrzahl  von  Bedrohungen ausgesetzt ist.

Große Ameisenbären und ihre Verwandten, die Gürtel- und Faultiere, sind typische Bewohner Südamerikas, und der Große Ameisenbär, hochspezialisiert auf den Verzehr von vornehmlich Ameisen, ist einer der interessantesten  Vertreter.

Die Referentin ist seit langem mit dem Pantanal und ihrem Forschungsobjekt „Großer Ameisenbär“ vertraut und wird uns an ihren Reiserlebnissen teilnehmen lassen und Spannendes über „ihren“ Ameisenbär und seine Biologie berichten.

 

Donnerstag, 28. März 2019, 19.00 Uhr

Dr. Christof Ellger, GeoUnion und Alfred-Wegener-Stiftung Potsdam

Geotourismus    Reiseerlebnisse im Spannungsfeld zwischen Bildungsauftrag, Geotopschutz und Regionalentwicklung

Tourismus mit einem besonderen Fokus auf geowissenschaftlich bedeutende Ziele ist so neu nicht. Seit Menschen zu Sehenswürdigkeiten reisen, gehören geologische, paläontologische, geomorphologische etc. Phänomene zu den bevorzugt aufgesuchten Attraktionen: Findlinge, Felsformationen, Höhlen, Schluchten, Küsten, Quellen, Gletscher und viele andere Elemente der unbelebten Natur, wie etwa auch die vielfältigen vulkanischen Erscheinungen.  

Heute verstärken vor allem besonders ausgewiesene (nationale) Geotope, geologische Lehrpfade, geotouristische Straßen und insbesondere die seit Ende der 1990er Jahre weltweit errichteten Geoparks die Bemühungen um den Geotourismus.

Mit dem Geotourismus der Gegenwart sind eine Reihe von Merkmalen verknüpft, die diesen zu einer ganz besonderen Art von Freizeitmobilität und Daseinsäußerung machen. Unterschiedliche Akteure und gesellschaftliche Kräfte verbinden ganz unterschiedliche Intentionen mit diesem Bereich: Für die Geowissenschaften ist der Geotourismus ein Instrument, um ihre Themen, Fragestellungen und wissenschaftlichen Leistungen in die Bevölkerung zu tragen, die ansonsten (und schon in der Schule) wenig über Geologie und ihre Nachbardisziplinen erfährt; bei ihren Freizeitbeschäftigungen (bei Bewegung und Besichtigung, beim Staunen über die Schönheit der Landschaft) sollen die Menschen die Geowissenschaften kennen und schätzen lernen. Für die oft ländlich geprägten und peripher gelegenen Regionen mit geotouristischem Potenzial geht es vor allem darum, mit zielgerichteten Einrichtungen und Angeboten regionale Wertschöpfung und Arbeitsplätze zu schaffen. Demgegenüber steht der Anspruch des Geotopschutzes und der ‚Geo-Conservation‘ auf Schutz und Bewahrung des geologischen Erbes. Dieser muss zuweilen gegen die Interessen der Besucher und der Tourismusmanager durchgesetzt werden. 

Wenn aber der Kompromiss zwischen Bewahrung einerseits und Entwicklung und Nutzung andererseits gelingt, kann Geotourismus heute und in Zukunft durchaus sowohl den geowissenschaftlichen Bildungsauftrag als auch die Wirtschaftsförderung der Zielregionen voranbringen. 

 

Donnerstag, 28. Februar 2019, 19.00 Uhr

Dr. Veit Hennig, Hamburg

Der Zusammenbruch der Bestände des Elbstints und die Folgen für die Vogelwelt

Nach der Wende galt ab dem 1. Juli 1990 auch für die Gewässer der ehemaligen DDR die in der Bundesrepublik geltende Rechtsregelung zum Gewässerschutz. Die über die Saale aus der Region Bitterfeld in die Elbe geleiteten Schadstoffe gingen deutlich zurück. Kläranlagenbau reduzierte die Fracht an Nitraten und Phosphaten stark. Und die Elbe reagierte: Die Fischbestände und die der Fischfresser, seien es Vögel, Schweinswale oder Fische wie der Zander, konnten sich wieder erholen! Der Elbstint konnte erfolgreich vermarktet werden und wurde zum Kultfisch in den Restaurants entlang der Elbe. Nach der achten Elbvertiefung (1998/99) nahmen jedoch Sauerstofflöcher zu, das Tidal Pumping brachte immer größere Mengen feinen Sediments in die Hafenbecken. Das ständige Baggern und Spülen erhöhte die Trübung des Elbwassers beständig, es erreichte 2017 ein Maximum. Seit einem Kipppunkt 2013/14 brechen die Stintbestände, sowohl bei den wenigen verbliebenen Berufsfischern als auch bei wissenschaftlichem Monitoring systematisch auf den tiefsten Punkt 2018 zusammen. Die Zahlen der Fischfresser wie Zwergmöwe, Kormoran, Flussseeschwalbe und selbst der Schweinswale folgen diesem eindeutigen Trend. Eine dramatische Situation, kurz vor der neunten Elbvertiefung. Der Vortrag beschreibt diese Veränderungen der Nahrungsnetze in den letzten Jahren.

 

Donnerstag, 17. Januar 2019, 19.00 Uhr

Dr. Gudrun Wolfschmidt, Hamburg

400 Jahre Astronomie in Hamburg – Von Tycho Brahe bis zur Hamburger Sternwarte 

Vor 400 Jahren weilte der große Astro-nom Tycho Brahe (1546-1601) in Wandsbek und publizierte sein Hauptwerk über seine Sternwarten und Instrumente. Danach werden die astronomischen Aktivitäten in Hamburg während der Barockzeit und Aufklärung thematisiert.
Im 19. Jahrhundert spielen die beiden Sternwarten von Heinrich Christian Schumacher in Altona (1821) und von Johann Georg Repsold (1771-1830) am Millerntor (1825) für Vermessung, Zeitbestimmung und Navigation eine wichtige Rolle im Kontext der Entstehung wissenschaftlicher Institutionen vor der Universität.
Richard Schorr bemühte sich ab 1900 um eine eindrucksvolle neue Hamburger Sternwarte in Bergedorf (1906-12). Der Förderverein Hamburger Sternwarte (*1998) bemüht sich um Erhaltung des seit 1996 denkmalgeschützten Gebäudeensembles und organisiert zahlreiche Events (u.a. Führungen, Vor-träge, Beobachtungsabende und Lange Nacht der Museen).
Die Hamburger Sternwarte dokumentiert wie kaum eine andere Sternwarte auf der Welt den Wechsel von der klassischen Astronomie zur modernen Astrophysik, was sich sowohl in der repräsentativen Architektur und modernen Anlageform (Astronomiepark), als auch in der innovativen Instrumentierung bemerkbar macht. Daher stellt sie ein wissenschafts-, technik- und architekturgeschichtliches Kulturdenkmal von nationaler und internationaler Bedeutung dar.

 Öffentliche Vortragsreihe 2018

Die Welt der Mikroben – ihr Einfluss auf unsere Gesundheit sowie ihre Bedeutung in der Technik

Donnerstag, 1.11.2018, 19.00 Uhr

Prof. Dr. Friedrich Widdel, Bremen

Mikroben – gefürchtet, benötigt, bewundert

Als Antoni van Leeuwenhoek um 1675 in Delft durch eines seiner selbstgebauten Mikroskope erstmals Mikroorganismen und damit eine dem Auge zuvor verborgene Lebenswelt sah, konnte er deren Bedeutung für Mensch und Umwelt noch nicht ahnen. Erst durch die streng auf Ursache und Wirkung ausgerichtete Forschung vor allem von Robert Koch in den 1870er Jahren wurde die kausale Verbindung zwischen mikroskopischer und makroskopischer Welt deutlich: Was sich im Mikroskop als Ansammlung von Stäbchen, Kügelchen und anderen ein- fachen Lebensformen zeigt, kann für Mensch und Tier Krankheit oder gar Tod bedeuten. Global und in größeren Naturzusammenhängen betrachtet ist diese Wirkung allerdings nur eine, wenn auch zu Recht gefürchtete Seite des Trei- bens von Mikroorganismen. Die allermeisten, sowohl was Anzahl als auch Artenvielfalt betrifft, sind nicht nur harmlos, sondern erfüllen eine unverzichtbare Aufgabe im natürlichen Gleichgewicht von Aufbau und Abbau. Dabei vollbringen Mikroorganismen Leistungen, die nicht nur aus chemischer Sicht erstaunen. Deren Prinzipien soll, soweit in der Kürze möglich, an Hand einiger Beispiele unter den Stichworten ‚Energie zum Leben‘, ‚Licht‘, ‚Synthese‘ und ‚Abbau/ Recycling‘nachgegangen werden.

Donnerstag, 8.11.2018, 19.00 Uhr

Prof. Dr. Nicole Dubilier, Bremen

Essen ohne Mund: Symbiosen zwischen darmlosen Meerestieren und Bakterien

Ende der 1970er Jahre gelang Forschern eine der größten biologischen Sensationen des 20. Jahrhunderts. Sie entdeckten blühende Lebensgemeinschaften mit einer vollkommen fremden Tierwelt an heißen Quellen in der Tiefsee in 3000 Meter Wassertiefe. Vor dieser Entdeckung dachte man, dass solch reichhaltige Ökosysteme fernab vom Sonnenlicht nicht existieren könnten. Heute wissen wir:

Symbiosen bilden die Grundlage dieser Lebensgemeinschaften zwischen Bakterien und Tieren. Die symbiontischen Bakterien nutzen energiereiche Verbin- dungen aus den heißen Quellen, wie Schwefelwasserstoff und Methan, um ihre Wirte, die Tiere, zu ernähren. Manche Tiere haben sich so gut an die Ernährung durch ihre Symbionten angepasst, dass sie ihren Mund und Darm komplett zurück gebildet haben. Diese Symbiosen sind enorm vielfältig und kommen nicht nur in der Tiefsee, sondern auch in vielen Flachwasserlebensräumen vor, wie Korallenriffen oder Seegraswiesen. Das zeigt, dass nicht nur Wettkampf und die Selektion des Stärkeren zur Artenvielfalt führen, sondern auch Symbiosen und Kooperation treibende Kräfte der Evolution sind.

Donnerstag, 15.11.2018, 19.00 Uhr

Prof. Michael Blaut, Potsdam

Das intestinale Mikrobiom – die unsichtbare Kraft im Verdauungstrakt

Obwohl Mikroorganismen mit dem bloßen Auge nicht erkennbar sind, haben sie praktisch alle Lebensräume auf unserem Planeten erobert. Man findet sie im Wasser, auf dem Land sowie auf und in Pflanzen und Tieren. Besonders im Darm von Mensch und Tier erreichen Mikroorganismen hohe Besiedlungsdichten. So ist der humane Dickdarm mit 1011 Zellen/g Darminhalt einer der am dich- testen besiedelten Standorte überhaupt. Diese mikrobielle Lebensgemeinschaft, auch intestinale Mikrobiota oder Mikrobiom genannt, besteht zu mehr als 99% aus Bakterien. Bei den übrigen 1% handelt es sich um Archaeen und Pilze. Die Entwicklung der intestinalen Mikrobiota beginnt mit der Geburt, indem Mikroor- ganismen durch das Neugeborene vom Urogenitaltrakt und von der Haut der Mutter sowie aus der Umgebung oral aufgenommen werden und so in den Darm gelangen. Die Bakterien, die im Darm eine ökologische Nische finden, siedeln sich an, während die anderen wieder ausgeschieden werden. In der

Phase der Erstbesiedlung unterliegt die Zusammensetzung der intestinalen Mikrobiota ständigen Änderungen und erst im Laufe des ersten Lebensjahres stabilisiert sie sich.
Aufgrund vielfältiger Effekte auf den Wirtsorganismus hat das wissenschaftliche Interesse am intestinalen Mikrobiom stark zugenommen. Grund hierfür sind Hin- weise, dass Fehlfunktionen des intestinalen Mikrobioms zur Entstehung von bestimmten Erkrankungen beitragen können. So gibt es Untersuchungen, die eine Rolle von Darmbakterien bei Adipositas, Diabetes, entzündlichen Darm- erkrankungen, Dickdarmkrebs und weiteren Krankheiten nahelegen. Über die genauen Mechanismen ist bis auf wenige Ausnahmen wenig bekannt. In allen Fällen geht man davon aus, dass das enge Zusammenspiel zwischen dem Wirt und seiner Mikrobiota in irgendeiner Weise gestört ist. Das kann mit dem Einfluss von Darmbakterien auf das Immunsystem zusammenhängen, aber auch darauf beruhen, dass bestimmte Bakterien in der Bakteriengemeinschaft Metaboliten bilden, die den Stoffwechsel des Wirtes beeinflussen.

Eine der Hauptaufgaben der intestinalen Mikrobiota besteht in der Umsetzung von nicht verdaulichen Nahrungsbestandteilen, zu denen Ballaststoffe und sekundäre Pflanzenstoffe gehören. Ein Großteil Produkte, die von Darmbakterien aus diesen Verbindungen gebildet werden, interagieren mit dem Stoffwechsel des Wirtes. Darüber hinaus spielt die Darmmikrobiota eine wichtige Rolle bei der Reifung und Aufrechterhaltung des Immunsystems. Störungen solcher Prozesse können die Ursache von Erkrankungen sein. Die Art der Ernährung hat wesentlichen Einfluss auf die Zusammensetzung der intestinalen Mikrobiota, da diese die Hauptenergiequelle für Darmbakterien darstellt. Daraus folgt, dass eine gesunde Ernährung eine Mikrobiota begünstigt, die für den Wirt von Vorteil ist.

Donnerstag, 6.12.2018, 19.00 Uhr

Prof. Dr. Kerstin Kuchta, Hamburg

Mikroben in der Technik

Die biologische Abfallbehandlung basiert auf der gezielten Förderung des mikrobiellen Abbaus von organischen Abfallbestandteilen zu verwertbaren Produkten, wie z.B. Kompost oder Biogas.
Entsprechend werden uralte Kreisläufe der Natur verfahrenstechnisch imitiert, kontrolliert und optimiert. Die Vielfalt der beteiligten Organismen, die Möglichkeiten und prozesstechnischen Grenzen des Einsatzes von Mikro- ben in der Abfallwirtschaft werden aufgezeigt und Verfahren nach Stand der Technik und zukünftige Optionen präsentiert.

Donnerstag, 13.12.2018, 19.00 Uhr

Prof. Dr. Thomas Bosch, Kiel

Über das Entstehen und Funktionieren von Metaorganismen

Eine neue Generation von Technologien deckt eine große Zahl von Mikro- ben auf, die mit Pflanzen, Tieren und dem Menschen in einer engen und oft funktionellen Beziehung stehen. Störungen dieser Partnerschaft haben bei allen Organismen einschließlich des Menschen erhebliche Konsequenzen. Wir sehen Tiere und den Menschen daher als Metaorganismen und verstehen darunter komplexe Lebensgemeinschaften aus vielen Arten, die sich während der vergangenen Millionen Jahre gemeinsam entwickelt haben. Das Funktionieren dieser multi-organismischen Einheit entscheidet über Gesundheit oder Krankheit und ist damit ein zentraler Aspekt in Biologie und Medizin. Die Betrachtung von Lebewesen und Mikroben als funktionelle Einheit hat viele praktische und auch theoretische Implikationen und auch das Potenzial, Fortschritte in der Behandlung chronischer Zivilisationskrankheiten zu ermöglichen.

 

Donnerstag, 11. Oktober 2018, 19.00 Uhr

Jörg Beleites, Hamburg
Die Hamburgischen Wissenschaftlichen Anstalten und ihre Gebäude, insbesondere das Naturhistorische Museum, als Vorläufer von Institutionen und Standorten der Universität 

Im 19. Jahrhundert haben sich in Hamburg aus und neben dem Akademischen Gymnasium zahlreiche wissenschaftliche Institute (Stadtbibliothek, Museum für Völkerkunde, Sammlung Hamburgischer Alterthümer, Sternwarte, Physikalisches Kabinett / Staatslaboratorium, Chemisches Labor / Staatslaboratorium, Mineralogisch-Geologisches Institut, Naturhistorisches Museum / Zoologisches Museum, Botanisches Museum / Staatsinstitut, Museum für Kunst und Gewerbe, Sammlung vorgeschichtlicher Alterthümer) entwickelt, wobei das „Naturhistorische Museum“, das 1839/1844 auf Initiative des 1837 gegründeten Naturwissenschaftlichen Vereins entstand, eine durchaus besondere Rolle spielte. Die Direktoren dieser „Wissenschaftlichen Anstalten“ wurden nach Schließung des Akademischen Gymnasiums (1883) verpflichtet, die öffentlichen Vorlesungen fortzuführen. 

In dem Vortrag wird die Entstehung und die Bedeutung dieser Wissenschaftlichen Anstalten als Vorläufer von Universitätsinstitutionen beleuchtet; ferner soll aufgezeigt werden, in welchen Gebäuden an ganz unterschiedlichen Stellen unserer Stadt sie ihren Sitz hatten. 

 

Donnerstag, 17. Mai 2018, 19.00 Uhr

Dr. Susanne Köstering:

 Ein Museum der Weltnatur  Die Geschichte des Naturhistorischen Museums Hamburg 

zusammen mit dem CeNak im Rahmen der Veranstaltungen „Literatur trifft Natur”

Frau Köstering zeichnet die Geschichte des Hamburger Naturhistorischen Museums/des Zoologischen Museums von seinen Anfängen nach 1843 über seinen Aufstieg zu einer der führenden Einrichtungen Deutschlands zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts. Sie schildert den Bedeutungsverlust musealer Arbeit nach der Universitätsgründung 1919, die katastrophale Zerstörung in den Hamburger Bombennächten 1943 und den unverzagten Wiederaufbau nach dem zweiten Weltkrieg. Die Modernisierung des Museums, sein Neubau und die Überführung in die Universität im Rahmen der Reformgesetzgebung 1969 mit ihren Folgen werden ebenso dargestellt wie die neueste, hoffnungsvolle Gründung des Centrums für Naturkunde.

Lesung: Prof. Dr. Matthias Glaubrecht

Ergänzungen und Erläuterungen: Dr. Susanne Köstering

Einführung: Prof. Dr. Harald Schliemann

 

Donnerstag, 26. April 2018, 19.00 Uhr

Dr. Sebastian Steinlechner, Hamburg

Wie wir Gravitationswellen gemessen haben

Am 14. September 2015 gelang den beiden LIGO-Detektoren der erste direkte Nachweis von Gravitationswellen. Dieser Erfolg fand international viel Beachtung und markiert den Beginn der Gravitations-wellenastronomie. Unsere bisherigen Erkenntnisse über das Universum stammen zum überwiegenden Teil aus Beobachtungen mit elektromagnetischen Wellen, wie sichtbares Licht, Röntgenstrahlen und Radiowellen. Nun kommt eine völlig neue Informationsquelle hinzu — Gravitationswellen. Doch was sind Gravitationswellen, wie entstehen sie und was verraten sie uns über ihre Quellen? Welche Technologien waren erforderlich, um ihre Beobachtung zu ermöglichen? Welche Signale wurden bisher gemessen? Der Vortrag versucht diese Fragen zu beantworten und einen kleinen Blick in die Zukunft der Gravitationswellenastronomie zu geben.

 

Donnerstag, 22. März 2018

Der Vortrag von Herrn Jörg Beleites, Hamburg
Die Hamburgischen Wissenschaftlichen Anstalten und ihre Gebäude, insbesondere das Naturhistorische Museum, als Vorläufer von Institutionen und Standorten der Universität

fällt aus wegen Erkrankung des Redners. 

Donnerstag, 22.Februar 2018, 19.00 Uhr

Dr. Arnulf Köhncke, WWF Deutschland

Was tun gegen das Artensterben?
Einblicke in die Artenschutz-Arbeit des WWF Deutschland

Die Artenvielfalt ist in der Krise. Tiere und Pflanzen sterben tausend Mal schneller aus als noch ohne den Einfluss des Menschen. Wilderer töten jährlich tausende Elefanten und Nashörner für den kriminellen Handel mit ihren Zähnen und Hörnern. Wälder und Savannen müssen Platz machen für unseren

Bedarf nach Fleisch und Rohstoffen. Was treibt diese Prozesse? Welche Arten leiden am meisten darunter? Und vor allem: was können wir unternehmen gegen dieses Artensterben? Schließlich sind wir als Hauptverursacher des Arten- schwundes nicht nur verantwortlich für den Erhalt der Artenvielfalt, auch unser eigenes Überleben hängt am Ende von dieser Artenvielfalt ab. Ausgehend von der Artenschutz-Arbeit des WWF Deutschland wird der Vortrag versuchen den Bogen zu schlagen von afrikanischen und asiatischen Arten wie Elefanten, Tigern und Nashörnern über direkte Bedrohungen wie Tagebau-Minen, Kautschuk-Plantagen oder Schlingfallen bis hin zu den Treibern dieser Bedrohungen – ob nun Nachfra- ge nach Luxusprodukten in Asien oder unserem eigenen Fleischkonsum. Es geht um Ansatzpunkte für den Artenschutz, Erkenntnisse und Hoffnungen – direkt vor Ort im Schutzgebiet, weltweit gegen den illegalen Artenhandel, aber auch hier in unserem eigenen Tun jeden Tag.

 

Donnerstag, 25. Januar 2018, 19.00 Uhr

Dr. Martin Husemann, Hamburg

Einblicke in die evolutionsbiologischen Antreiber der Buntbarschradiation Ostafrikas

Die Buntbarsche (Cichliden) Ostafrikas haben sich in den letzten Jahrzehnten aufgrund ihrer hohen Artenvielfalt, ihrer interessanten Ökologie und der bekannten Biogeographie der Radiation zu einem Modellsystem in der Evolutionsbiologie entwickelt. Mehr als 2000 Arten kommen heute in den großen Ostafrikanischen Seen vor; dort besetzen sie nahezu alle vorhandenen ökologischen Nischen, vom Planktonfresser über Schuppen- und Insektenfresser hin zu großen Freiwasserräubern. Trotz der großen morphologischen Vielfalt sind fast alle Arten nahe verwandt und lassen sich daher gut in einem populationsgenetischen und im genomischen Kontext untersuchen. Die Gattung Maylandia gehört mit mehr als 30 beschriebenen Arten zu den diversesten Cichliden-Gattungen im Malawisee. Viele verhaltensbiologische und genetische Studien haben sich mit dieser Gattung beschäftigt. Wir haben die Gattung genutzt, um herauszufinden, ob sich Populationen dieser Arten in ihrer Körperform und Farbe und in ihrer genetischen Zusammensetzung unterscheiden. Hier haben wir besonders allopatrische und sympatrische Populationen zweier Artengruppen untersucht. Unsere Studien haben gezeigt, dass die Populationen häufig extrem klein sind und dass daher Zufallsereignisse (Drift) eine große Rolle in ihrer Evolution spielen. Daneben legen unsere Ergebnisse nahe, dass starke Selektion auf alle gemessenen Merkmale wirkt und dass sich einige Merkmale korreliert als Merkmalskomplex entwickelt haben. Erste genomische Untersuchungen zeigen, dass die Gene für die korrelierten Merkmale auf dem Genom nahe beisammen liegen. Diese korrelierte Evolution, zusammen mit der Bedeutung von Zufallseffekten als Ergebnis kleiner Populationsgrößen, hat vermutlich zur großen Vielfalt der Ostafrikanischen Buntbarsche beigetragen.

 

Öffentliche Vortragsreihe 2017

Wahrnehmung, Gedächtnis, Bewusstsein

Die diesjährige Vortragsreihe ist der Hirnforschung gewidmet und trägt den Titel: Wahrnehmung, Gedächtnis, Bewusstsein.

Unsere Gehirne sind die komplexesten Strukturen auf dieser Erde. Schon wenige Zahlen illustrieren diese Aussage: Die Großhirnrinde enthält mehr als 10 Milliarden, die Rinde des Kleinhirns ca. 50 Milliarden Nervenzellen. Jede Nervenzelle verfügt durchschnittlich über 1000 verzweigte Fortsätze, die der Vernetzung der Neurone, der Nervenzellen dienen. Gliazellen, der zweite Typ von Zellen des Nervensystems, unterstützen die Neurone in ihren Funktionen und sind in noch größeren Zahlen vorhanden.

Die Komplexität dieses Organs ist nicht nur durch die unfassbar große Zahl seiner Bauelemente bedingt, sondern auch durch einen äußerst verwickelten mikro- und makroskopischen Bau gekennzeichnet. Die Vielzahl molekularer/biochemischer Reaktionen spiegeln diese Komplexität auf der physiologischen Seite wider.

Morphologische und physiologische Untersuchungen an menschlichen und tierischen Hirnen haben eine lange Tradition und in Verbindung mit biochemischen, neuen molekularen und bildgebenden Methoden zu einem vertieften funktionellen Verständnis geführt. Diese Aussage darf aber nicht darüber hinweg täuschen, dass viele Phänomene nicht oder nicht vollkommen verstanden, viele Fragen, die sich aus dem Verhalten von Mensch und Tier ableiten lassen, nicht beantwortet sind. Zum Beispiel: Wie entsteht ein Gedanke, wie ein “Geistesblitz”, was sind Emotionen, wie rechnet das Gehirn, wie arbeiten die Zentren für Gedächtnisinhalte zusammen? Und zentral: Was ist Bewusstsein, löst die Hirnforschung das alte Geist-Seele-Problem? Und haben ausser dem Menschen alle Wirbeltiere, deren Hirne denselben Bauplan besitzen, auch ein Bewusstsein? Und vielleicht auch Insekten mit ihren kleinen und ganz anders gebauten Gehirnen? Und wie steht es mit hochkomplexen Computern der Zukunft?

Wir haben für die hier angekündigte Vortragsreihe namhafte Neurobiologen eingeladen, uns über ihre aufregenden aktuellen Forschungsergebnisse zu berichten. Ich lade Sie herzlich ein, die unten aufgeführten Vorträge zu besuchen und an den Diskussionen teilzunehmen. Und ich bin sicher, dass wir viel Neues und Erhellendes, auch zu den aufgeworfenen Fragen, lernen und Anregungen erfahren werden.

Harald Schliemann                                                       Hamburg im Oktober 2017

 

Donnerstag, 9. November 2017, 19.30 Uhr:

Prof. Dr. med. Andreas K. Engel

Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf

Kann die Hirnforschung das Bewusstsein erklären?

Der Vortrag beleuchtet einige aktuelle Forschungsergebnisse zu neuronalen Grundlagen des Bewusstseins. Insbesondere wird diskutiert, welche dynamischen Veränderungen in Netzwerken des Gehirns dem Wechsel von Bewusstseinsinhalten im wachen Zustand und dem Bewusstseinsverlust in der Narkose zugrundeliegen. Diese Untersuchungen beleuchten beispielhaft die Vorgehensweise der Hirnforschung in der Erforschung des Bewusstseins und zeigen ihre Möglichkeiten, machen aber auch Grenzen deutlich. Eine wissenschaftliche Erklärung des Bewusstseins könnte möglich sein, wird aber nicht allein von den Neurowissenschaften geleistet werden können.

 

Donnerstag, 23. November 2017, 19.00 Uhr

Prof. Dr. Randolf Menzel, Freie Universität Berlin

Das elementare Bewusstsein eines Insekts, der Honigbiene: 

Emotionalität des einzelnen Tieres und der Sozietät.

Wir Menschen wissen zu jedem Zeitpunkt, wo wir uns befinden und wohin wir uns als nächstes bewegen wollen, wie wir uns im sozialen Kontext gerade oder in der Zukunft verhalten und welche emotionale Färbung wir gerade oder in der Zukunft erleben oder erwarten. Dieses Wissen bezieht sich nicht nur auf die räumlichen und zeitlichen Bezüge zwischen den Orten, sondern auch auf ihre Eigenschaften und ihre Bedeutungen. Manches von diesem Wissen kann bewusst werden, vieles nicht. Über welche Art des Wissens von Orten, Bedeutungen und sozialen Bezügen verfügen Tiere, zum Beispiel die Honigbiene, ein Insekt mit einem geradezu winzigen Gehirn? Auch für die Honigbiene ist das Wissen um Orte und deren Eigenschaften von entscheidender Bedeutung für das Individuum und für die soziale Gemeinschaft. Die Wege zwischen diesen Orten kann sie als fliegendes Insekt (meist) auf direkter Strecke zurücklegen, also recht einfach planen. Planen Insekten? Da die direkten Strecken mit dem Schwänzeltanz ihren Stockgenossinnen mitgeteilt werden, verfügen auch die Stockgenossinen über ein Wissen, das in Raum und Zeit und Bedeutung strukturiert ist. Wie beim Menschen und bei anderen Tieren speist sich das Ortswissen und das Bedeutungswissen der Biene aus vielen sensorischen Eingängen, schließt ein umfangreiches Gedächtnis ein und ist durch vielfältige neuronale Vorgänge in ihrem Gehirn repräsentiert. Ich werde zeigen, dass das Ortswissen und das Bedeutungswissen der einzelnen Biene als eine kognitive Karte mit Bedeutungsinhalten beschrieben werden kann. Die Sozietät muss sich über die Inhalte dieses Wissens austauschen und in kritischen Situationen, z.B. wenn ein Schwarm ein neues Nest finden muss, angemessene Entscheidungen treffen. Wie ist dies mit einem elementaren Bewusstsein möglich?

 

Donnerstag, 30. November 2017, 19.00 Uhr

Prof. Dr. Silke Anders, Universität zu Lübeck:

Denn wir wissen nicht, was wir fühlen – 

gibt es unbewusste Emotionen? 

Was sind eigentlich Gefühle und Emotionen? Welche Rolle spielen phylogenetisch alte Hirnstrukturen bei der Entstehung von Gefühlen? Können moderne bildgebenden Verfahren wie die Kernspintomografie uns helfen, Gefühle zu verstehen? Und wie verstehen wir die Gefühle unserer Mitmenschen?

Diesen Fragen soll in dem Vortrag nachgegangen werden.

 

Dienstag, 12. Dezember 2017, 19.00 Uhr

Dr. Henning Beck, Frankfurt

Biologie des Geistesblitzes

Überall werden sie gesucht: die kreativen Köpfe, die neuen Ideen und innovativen Produkte. Dabei ist das Gehirn bis heute die einzige Organisation, die überhaupt neuartige Gedanken hervorbringen kann. Vom Gehirn lernen heißt daher besser denken lernen – um auf neue Ideen zu kommen.

Henning Beck wirft einen spannenden Blick hinter die Kulissen der fehlerhaftesten und gleichzeitig innovativsten Struktur überhaupt auf der Welt: dem Gehirn.

Ein wissenschaftliches Plädoyer für Mut zum Denken, für ineffiziente Denkwege und für den Reiz neuer Ideen.

Donnerstag, 19. Oktober 2017, 19.00 Uhr:

Dr. Danilo Harms, Hamburg

Spinnentiere in Bernstein – ein Spiegelbild aus der Zeit der Dinosaurier

Spinnentiere gehören zu den ältesten landlebenden Tiergruppen, und Fossilien sind bereits aus dem Silur bekannt, also mit einem Alter von mehr als 420 Millionen Jahren.  Das Studium von fossilen Spinnen, Skorpionen und Milben ermöglicht einen einmaligen Einblick in die Evolution von landlebenden Tieren weit vor der Zeit von Dinosauriern und Insekten. In meinem Vortrag geht es um das Studium von Spinnen und Co. im Bernstein verschiedener Herkunft und Alters.  Das Studium von Bernsteinspinnen hat eine lange Tradition, aber moderne Methoden fernab der Lichtmikroskopie ermöglichen vollkommen neue und faszinierende Einblicke in die Morphologie und Evolution von Spinnentieren und der Habitate, in denen die Tiere gelebt haben. Wichtige Fossilien liegen zum Beispiel aus Burmesischem Bernstein (100 Millionen Jahre alt) und Baltischem Bernstein (50 Millionen Jahre) vor. Andere Faunen sind fast noch gänzlich unbekannt, z.B. die aus Bitterfeld Bernstein, und werden von uns am Centrum für Naturkunde in Zukunft bearbeitet werden.

Folgen Sie mir auf eine faszinierende Reise in die Welt der Spinnentiere im Bernstein und zurück in die Zeit der Dinosaurier und Bernsteinwälder!

 

Donnerstag, 18. Mai 2017, 19.30 Uhr:

Dipl.-Geol. Helge Kreutz, Mölln

Eine kurze Geschichte des Nordseeöls

Seit 1966 werden aus der Nordsee Öl und Gas gefördert, was zumindest in Deutschland weitgehend außerhalb des Sichtbereiches und der Kenntniss der Öffentlichkeit geschieht. So ist es nicht verwunderlich, dass immer wieder spektakuläre Einzelereignisse die Öffentlichkeit überraschen und ihre Vorstellungen prägen, ohne dass diese den historischen Entwicklungen zugeordnet werden können. Ebenso sind die beteiligten Personen fast vollständig unbekannt.

In diesem Vortrag werden einzelne Kapitel aus der Geschichte des Nordseeöls vorgestellt, welche die (Energie- und Umwelt-) politischen, wirtschaftlichen und technisch/naturwissenschaftlichen Zusammenhänge verdeutlichen sollen. Die Auswahl hierbei ist sehr persönlich, beeinflusst durch die Arbeitsstätten des Vortragenden und mit Bezug auf seine Mentoren. Dabei handelt es sich größtenteils um den britischen und holländischen Teil der Nordsee. Unter anderem wird dargestellt:

–       Wie es zur Suche nach Öl und Gas in der Nordsee kam

–       Wie sich die Technik in den vergangenen 60 Jahren entwickelt hat

–       Was in Zukunft noch von der Nordsee zu erwarten ist und warum die allermeisten Vorhersagen falsch lagen.

Hierbei gehen wir vom allgemein Bekannten, wie dem „Entenschnabel“, der Umstellung von Stadtgas auf Erdgas, dem Brent Spar oder der Diskussion über die zukünftige Energieversorgung einschließlich der populären und immer wieder auftauchenden „peak oil“ Theorie aus und erfahren mehr zu den Hintergründen. Ziel des Vortrages ist es, ein wenig hinter die Kulissen der geschichtlichen Ereignisse zu schauen und dadurch informierter mit zukünftigen Tagesthemen (und unvermeidlichen „Zeitungsenten“ – wie z.B. brennenden Wasserhähnen) umgehen zu können.

Donnerstag, 20. April 2017, 19.30 Uhr:

Dr. Martin Husemann, Hamburg

Phylogeographie und Evolution der Ödlandschrecken: Weltweite Fallstudien zur Diversifizierung der Oedipodinen

Die Ödlandschrecken (Oedipodinae) gehören zu den artenreichsten Grashüpferfamilien weltweit. Innerhalb der Oedipodinen sind die Gattungen Sphingonotus und Trimerotropis besonders divers. Während Sphingonotus  vornehmlich paläarktisch verbreitet ist, ist die Gattung Trimerotropis  in Nord- und Südamerika zu finden. Beide Gattungen besiedeln ähnliche Habitate und haben eine sehr ähnliche Morphologie. Wenig ist bekannt über die evolutionären Beziehungen zwischen den Gattungen und über die Faktoren, die zu ihrer Diversifizierung geführt haben. Hier präsentiere ich phylogenetische und biogeographische Fallstudien für verschiedene Gruppen innerhalb der Gattungen, die Aufschluss über die evolutionären Faktoren geben, die zur Artdifferenzierung beigetragen haben. Die Analysen haben ergeben, dass die Diversifizierung zwischen den Gattungen auf eine einzelne Besiedlung über die Bering­strasse zurückzuführen ist. Die Artbildungsprozesse in der Paläarktik sind in vielen Fällen auf eiszeitliche Refugien zurückzuführen. In der Gattung Trimerotropis in Nord- und Südamerika haben Landschaftsveränderungen zu Diversifizierungsprozessen geführt. Die akustische und verhaltensbiologische Differenzierung vieler Arten trägt zur Aufrechterhaltung von Artgrenzen bei.

 

Donnerstag, 30. März 2017, 19.30 Uhr:

Dr. Ernst-Hermann Solmsen

Rückkehr der Wölfe nach Deutschland – Mythen und Fakten: was kann die Säugetierbiologie zur gesellschaftlichen Diskussion beitragen?

Die selbständige Wieder­ansiedlung des Wolfes in Deutschland unter dem Schutz der Europäischen Na­turschutzgesetze findet ein geteiltes Echo: einerseits wird die Rückkehr von Europas bekanntestem Beutegreifer fast enthusiastisch begrüßt, andererseits stößt diese – vor allem bei direkt Betroffenen wie Jagdausübenden und Weidetierhaltern – auf verständliche Zurückhaltung bis hin zu offener, teils aggressiver Ablehnung. In der gesellschaftlichen und politischen Diskussion prallen die sehr polaren Einstellungen oft kompromisslos aufeinander, Fakten und Mythen sind nicht immer deutlich getrennt – vor diesem Hintergrund sind nachvollziehbare Daten aus der Säugetierbiologie für die Bewertung der politischen Argumente auf der Basis eines soliden naturwissenschaftlichen Standards umso wichtiger.

Neben der befürchteten direkten Gefährdung von Menschen sind es vor allem die Veränderungen für Jagd und Weidetierhaltung, die ein Umdenken der Beteiligten erforderlich machen. Neben den zweifellos erheblich betroffenen Schafhaltern sind es seit Vordringen der Wölfe nach Niedersachsen und Schleswig-Holstein zunehmend auch Rinder- und Pferdehalter, die sich Sorgen machen. Hier besteht wichtiger Klärungsbedarf bezüglich der relativen und tatsächlichen Risiken, um unnötigen Aufwendungen und Aufregungen, die zu einer politisch gewichtigen Ablehnung der sich etablierenden Wolfspopulation in ganz Deutschland auszuwachsen drohen, vorzubeugen.

Dementsprechend gibt der Vortrag einen aktuellen Überblick über die verfügbaren biologischen Erkenntnisse.  Er benennt die wichtigsten in der Wolfsdiskussion strapazierten Mythen und versucht, anhand der verfügbaren Fakten eine biologisch begründete Empfehlung für den künftigen Umgang mit diesen faszinierenden Wildtieren abzuleiten.

 

Donnerstag, 16. Februar 2017, 19.30 Uhr:

Dr. Ulrich Kotthoff, Hamburg

Darmflagellaten und Blütenstaub – evolutive Wechselwirkungen zwischen Insekten und Pflanzen

Die Evolution vieler Insekten- und Pflanzengruppen ist seit 400 Millionen Jahren eng miteinander verknüpft. Dabei gibt es sowohl „feindliche“ Beziehungen zwischen pflanzenfressenden Formen und ihren Opfern als auch verschiedene Formen von Symbiosen zwischen Insekten und Pflanzen. Im Vortrag wird die Co-Evolution beider Gruppen vom Devon bis heute dargelegt. Vorgestellt werden unter anderem die frühesten bekannten Termiten und die mögliche Entwicklung dieser Gruppe aus holzfressenden Schaben, die frühesten Schmetterlinge und ihre Anpassungen an Blütenpflanzen sowie die Entwicklungsgeschichte einiger Bienen- und Wespengruppen.

Donnerstag, 2. Februar 2017, 19.30 Uhr:

Prof. Dr. Klaus Lüning, List auf Sylt

Vorteile der landgestützten Kultivierung von Lebensmittel-Meeresalgen

Marine Makroalgen mit wirtschaftlicher Bedeutung für den Nahrungsmittel- markt als Meeresgemüse werden heute ausschließlich in Aquakultur produ- ziert. Ausgehend von Fernost (Japan, China, Korea) wurde die Rotalge Porphyra (japanisch: Nori) in Sushi-Restaurants inzwischen weltweit als Speisealge ver- breitet, die gesamte Welternte stammt aber aus Fernost. Die zweite, in Fern- ost quantitativ noch bedeutsamere Speisealge, der Brauntang Laminaria (ja- panisch: Kombu), mit hohem Jod-Gehalt, wird neuerdings auch in Europa im Nordatlantik in Seilkultur produziert. Schnellwachsende marine Makroalgen extrahieren effektiv mineralische Nährstoffe im Verbund mit Fischfarmen und verbessern nachhaltig die Wasserqualität in diesem Verbund. Vielfache Pro- jektförderung derartiger Integrierter Multi-Tropher Aquakulturen (IMTA) haben die europäische Kultivierung von Meeresalgen angekurbelt. Chancen auf dem Nahrungsmittelmarkt in Europa haben die Meeresalgen als neuartiges Meeres- gemüse wegen ihres hohen Gehalts an wertvollen Mineralien und algenspezi- fischen Ballaststoffen wie Alginat in Braunalgen und Carrageen sowie Agar in Rotalgen. Neben Laminaria ist die Rotalge Chondrus crispus (Irländisches Moos) eine zukunftsträchtige Meeresalge für den europäischen Lebensmittelmarkt. Die Tank-Kultivierung von Meeresalgen in künstlichem Meerwasser eröffnet neue Möglichkeiten von nachhaltiger Aquakultur. So können Mineralsalze so- wie CO2 als Abfallstoffe aus Biogasanlagen in Wertstoffe für die Algenkultur umgewandelt werden. Es gibt mehrere Vorteile der landgestützten Kultivierung von Lebensmittel-Meeresalgen in künstlichem Meerwasser fernab der Küste: (a) Man vermeidet Tieraufwuchs, der im Meer im Sommer regelmäßig die Le- bensmittelqualität der Algen ruiniert, weil sich ab Mai auf den Laminaria-Phyl- loiden ein Aufwuchs von festsitzenden marinen Tierkolonien wie Bryozoen und Polychaeten entwickelt. (b) Die Algeninhaltsstoffe können besser kontrolliert werden, so wird der bei Meereskultur extrem hohe Jodgehalt von Laminaria in Tankkultur stark reduziert. (c) Es entfällt die Raumkonkurrenz längs der Nord- see-Meeresküsten, deren an das Meer grenzende Landflächen an Tourismus, Wirtschaft und Naturschutz vergeben sind, sodass die landgestützte marine Aquakultur besser auf wenig genutzte Flächen fernab der Küste, etwa aufgelas- senen Industriegeländen, ausweicht.

Donnerstag, 19. Januar 2017, 19.30 Uhr:

Prof. Dr. Günter Miehlich, Hamburg

Die 2000 Quadratmeter von denen wir leben (sollten)

Verwöhnt von Klima und fruchtbaren Böden unterschätzen wir Mitteleuropäer erheblich den Anteil fruchtbarer Böden auf der Erde. Gemessen an der derzeitigen Weltbevölkerung sind es nur 2000 m2. Dabei steigt die Weltbevölkerung weiter bei gleichzeitig unvermindertem Verlust an Böden und Bodenfruchtbarkeit. Neben der Funktion, Nahrung für Mensch, Pflanze und Tier zu bieten, haben Böden viele an- dere Funktionen: z.B. Lebensraum für Bodenorganismen, Regulatoren des Wasser- und Stoffhaushalts, Faktor der Biodiversität. Vor allem zur Produktion von Futtermitteln gebrauchen wir Mitteleuropäer viel mehr Bodenfläche als uns zusteht. Neben der Forderung an die Politik, den Schutz von Böden wirksam umzusetzen, kann jeder durch sein tägliches Verhalten zum Bodenschutz beitragen.

 Allgemeine Veranstaltungen 2017

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Donnerstag, 15. Dezember 2016, 19.30 Uhr:

Prof. Dr. Axel Temming – Institut für Hydrobiologie und Fischereiwissenschaft, Universität Hamburg

Fischerei: Ein Lehrbuchbeispiel für den Konflikt zwischen Ökologie und Ökonomie

Der Vortrag stellt zunächst anhand eines einfachen konzeptionellen Modells, welches auf der logistischen Gleichung des Populationswachstums basiert,  die Probleme der Überfischung aus biologischer Sicht dar. Im Weiteren wird gezeigt, wie Ökonomen auf der Basis dieses biologischen Modells die ökonomischen Mechanismen der Überfischung erklären. Die Grundidee ist dabei, dass es zunächst einen freien Zugang zu der Ressource Fisch gibt. Die resultierende Entwicklung des Eintritts immer neuer Fischer in die Fischerei bis zum Punkt der Überfischung wird auch als „Tragödie der Allgemeingüter“ bezeichnet, und ein typischer Lösungsansatz besteht in der Privatisierung der öffentlichen Güter. Ein weiterer Aspekt des Vortrags stellt die Entwicklungen in der Fischerei dar, die eintreten, wenn keine  oder keine wirksamen Gegenmaßnahmen ergriffen werden. Den Abschluss bildet ein allgemeinerer Blick auf die Verflechtung von Geldsystem, wirtschaftlichem Wachstum und Investitionsverhalten der Betriebe, also in diesem Fall der Fischer.

Donnerstag, 8. Dezember 2016, 19.30 Uhr:

Prof. Dr. Angela Köhler, Alfred Wegener Institut für Polar-und Meeresforschung

„Mikroplastik“ – eine Gefahr für die Gesundheit unserer Meeresorganismen?

Die weltweite Plastikproduktion ist im vergangenen Jahr auf fast 300 Mio Tonnen gestiegen, davon allein 60 Mio Tonnen in Europa. Kunststoff, hergestellt aus Erdöl, steckt vor allem in Verpackungen, Textilfasern und Baustoffen. „Mikroplastik“ wird einerseits speziell für bestimmte Anwendungen produziert wie industrielle Schleifmittel und Kosmetikprodukte wie Zahnpasta und Peelings, die durch die Klärwerke in die Umwelt geraten.  Es gelangt aber auch durch Unfälle mit Industrierohstoffen über verschiedene Wege ins Meer. Alles Plastik, auch größere Gegenstände, wird in der Umwelt durch UV-Strahlung und mechanische Prozesse zu kleinsten Teilchen fragmentiert.

Mikroplastik wurde inzwischen in allen Ökosystemen der Ozeane, von der Arktis zur Antarktis, in der Tiefsee bis in Flachwassergebiete und an Stränden registriert. Eher zufällig  wird Mikroplastik als Teilchen kleiner als 5 mm definiert, also in einem Größenbereich von Millimetern bis zu Nano- und Pikometern. In meinem Vortrag berichte ich über die aktuellen Forschungsergebnisse, welche Aufnahmewege von Mikroplastik in Meeresorganismen und welche gesundheitlichen Auswirkungen bislang im Meer und im Experiment beobachtet wurden. Eine zentrale Frage ist, ob Mikroplastikteilchen in die Zellen wichtiger Organe aufgenommen werden und welche Schäden sie dort anzurichten vermögen. Dabei spielen Form und Größe der  Teilchen für ihr Eindringen eine entscheidende Rolle.  Erste Vermutungen über die Auswirkungen auf die Gesundheit des Menschen aus dem Bericht der UNESCO werden zur Diskussion gestellt.

Donnerstag, 1. Dezember 2016, 19.30 Uhr

Carolin Abromeit – Bundesamt für Schifffahrt und Hydrographie

Green Shipping – Aktuelle Entwicklungen in Richtung einer umweltfreundlicheren Schifffahrt

Der  Vortrag gibt einen Überblick über die aktuelle Regelungslage sowie die eingesetzten und verfügbaren Technologien und sonstigen Maßnahmen zur Vermeidung von Emissionen aus der Schifffahrt in die Meeresumwelt. Dabei wird auf konkrete Beispiele aus den Bereichen Schiffskraftstoffe, Luftemissionen, Müll, Abwasser, Ballastwasser und Lärm in Bezug auf die Fracht- sowie die Kreuzfahrt- und Fährschifffahrt eingegangen. Abschließend wird ein Einblick in Abläufe und Diskussionspunkte innerhalb der involvierten internationalen und regionalen Gremien gegeben.

Donnerstag, 24. November 2016, 19.30 Uhr:

Prof. Dr. Antje Boetius – Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung

Schätze der Tiefsee – Neues zur Forschung an Nutzen und Schutz von Tiefseelebensräumen

Der tiefe Ozean beherbergt eine bisher unbekannte Vielfalt von Lebewesen und Ökosystemen, deren Energiequellen, Lebenszyklen und Funktionen sich von unserer eigenen Umwelt unterscheiden. Dabei trägt die Tiefsee erheblich zu den Stoffkreisläufen und der Bewohnbarkeit der Erde bei. Beim Erforschen dieses weitgehend unbekannten Lebensraums ist Eile geboten, denn die Veränderung der Meeresumwelt durch den globalen Wandel geht mit erstaunlicher Geschwindigkeit voran. In Zeiten sich verknappender Ressourcen gibt es viele Ideen, wie wir uns die Weiten des Ozeans, seine Bodenschätze und die Vielfalt seiner Bewohner zunutze machen können. Doch hat die Tiefsee als vom Menschen noch weitgehend unberührtem Raum auch einen hohen kulturellen Wert, als gemeinsames Erbe der Menschheit, als letzte große Wildnis und Raum für Entdeckungen des Unbekannten. Dieser Vortrag verknüpft die Faszination Tiefseeforschung mit drängenden Fragen zu Veränderungen, Schutz und Nutzungskonzepten des Ozeans. Ein besonderer Fokus liegt auf neuen Erkenntnissen der Forschung zu möglichen ökologischen Risiken des Tiefseebergbaus. Im Jahr 1989 wurde von Hamburger Wissenschaftlern ein langfristiges Experiment gestartet, mit dem die Erholung der Lebensgemeinschaften am Tiefseeboden und der Sedimentstrukturen nach großflächiger Störung erarbeitet werden sollten. Mit dem neuen Forschungsschiff „Sonne II“ wurde das Experimentalgebiet zuletzt im Jahre 2015 beprobt. Erste Ergebnisse der letzten Reise sollen vorgestellt und es soll diskutiert werden, welche Konsequenzen sich daraus für den Tiefseebergbau und weitere Forschungen zum Tiefseeumweltschutz ergeben.

Donnerstag, 10. November 2016, 19.30 Uhr:

Dipl-Biol. Thomas Merck – Bundesamt für Naturschutz

Offshore-Windenergieanlagen – Ökologische Auswirkungen und Möglichkeiten ihrer Minderung

Es ist erklärtes Ziel der Bundesregierung, dass Offshore-Windenergie einen wichtigen Beitrag zur Energieversorgung Deutschlands liefern soll. Der erste deutsche Windpark wurde 2009 gebaut, inzwischen produzieren 13  Offshore-Windparke in der deutschen Nord- und Ostsee mit bis jeweils zu 80 Einzelanlagen Strom.

Der großflächige Einsatz einer noch neuen Technologie wird ökologische Auswirkungen und Veränderungen der marinen Umwelt und Natur zur Folge haben, die noch immer nur unzureichend erforscht sind. Beispielsweise werden zur Installation der Anlagen in der ersten Bauphase, mit großen Schallemissionen verbunden, die Verankerungen der Fundamente in den Meeresboden gerammt. Unterwasserschall, laut genug um Tiere zu verletzen oder gar zu töten. Das Fundament selber führt zur Zerstörung und dauerhafter Überbauung bodenlebender Lebensgemeinschaften, bietet andererseits Lebensraum für Arten, die z.B. für weichbodendominierte Gebiete wie die deutsche Nordsee untypisch sind. Über Wasser verscheuchen die drehenden Rotoren manche Seevögel aus ihren angestammten Rast- und Nahrungsgebieten, die damit Lebensraum verlieren. Sie wirken aber auch als Barriere für über das Meer ziehende Vögel und Fledermäuse oder bergen das Risiko von Kollisionen. Die Strom abführenden Kabel können elektromagnetisch sensible Arten in ihrer Orientierung irritieren und wärmen den umgebenden Meeresboden künstlich auf.

Ein wesentlicher Weg, negative Auswirkungen der Nutzung der Offshore-Windenergie zu vermeiden, liegt in der Wahl aus ökologischer Sicht geeigneter Standorte. Für einzelne Wirkfaktoren besteht die Möglichkeit, ihre Umwelteffekte durch technische und/oder logistische Maßnahmen zu minimieren. Weitere bau- und betriebsbegleitende Untersuchungen wie auch Grundlagenforschungen hinsichtlich der genannten Auswirkungen sind aber notwendig, um insbesondere die kumulativen Wirkungen ausreichend beurteilen zu können.

 

 

Das Prinzip der Nachhaltigkeit wurde zuerst Anfang des 18. Jahrhunderts in der Forstwirtschaft entwickelt („Man darf dem Wald nicht mehr Holz entnehmen, als nachwachsen kann”).

Heute hat dieses Prinzip weltpolitische Bedeutung erlangt, und man begegnet dem Begriff Nachhaltigkeit überall. Er bezieht sich auf eine große Zahl menschlicher Aktivitäten und Themenfelder. Die Vereinten Nationen haben im vergangenen Jahr in einer multinationalen Zusammenarbeit globale Nachhaltigkeitsziele vereinbart, und in der Bundesrepublik wurde in diesem Zusammenhang der Rat für nachhaltige Entwicklung (www.nachhaltigkeitsrat.de) begründet.

Die globalen Nachhaltigkeitsziele umfassen 17 Hauptpositionen, von denen die meisten die unterschiedlichsten politischen und wirtschaftlichen Tätigkeitsbereiche betreffen. Lediglich zwei davon beziehen sich auf den Umgang der Menschheit mit der Natur und fordern den Schutz von Ökosystemen sowie eine nachhaltige Nutzung natürlicher Ressourcen.

Für die diesjährige Vortragsreihe des Naturwissenschaftlichen Vereins ist das „Nachhaltigkeitsziel Nr. 14” von besonderer Bedeutung. In deutscher Übersetzung lauten seine Forderungen: Ozeane, Meere und Meeresressourcen erhalten und für eine nachhaltige Entwicklung nutzen.

Der Umweltschutz ist in den Satzungen unseres Vereins verankert. Dem entsprechend haben wir in unseren Vortragsveranstaltungen dem Natur- und Umweltschutz schon häufiger eine Plattform geboten, zuletzt im Jahr 2012 mit der viel beachteten Vortragsreihe Natur- und Umweltschutz in der Metropolregion Hamburg*.

Mit diesem Bemühungen und zwar mit dem Fokus auf das für Hamburg so wichtige Meer wollen wir jetzt fortfahren. Für die wichtigsten Problemfelder beim Umgang mit dem Lebensraum Meer gelang es uns, wissenschaftlich hervorragend ausgewiesene Fachleute als Rednerinnen und Redner zu gewinnen. Unsere Themen sind (in der zeitlichen Reihenfolge der Vorträge):

• Offshore-Windanlagen

• Tiefsee-Umweltschutz

• Plastikmüll im Meer

• Nachhaltigkeit der Fischerei

• Ressourcenschonende Schifffahrt („Green Shipping”).

* Veröffentlicht in den Abhandlungen des Naturwissenschaftlichen Vereins in Hamburg, Band 45, 2015

Öffentliche Vortragsreihe 2016

NACHHALTIGE UND UMWELTSCHONENDE NUTZUNG DES LEBENSRAUMS MEER

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Donnerstag, 27. Oktober 2016, 19.30 Uhr 

Prof. Dr. John-Dylan Haynes, Berlin

Streitfall Willensfreiheit: Was sagt die Hirnforschung wirklich über den freien Willen aus?

Seit vielen Jahren streiten sich Hirnforscher, Psychologen, Philosophen und Juristen um den freien Willen. Ein Kernthema in dieser Diskussion sind neurowissenschaftliche Experimente, die zeigen, dass sich der Ausgang einer freien Entscheidung bereits mehrere Sekunden vorher aus der Hirnaktivität eines Probanden vorhersagen lässt. Dies erscheint paradox: Wie kann ein Gehirn vorher wissen, wie jemand sich erst in der Zukunft entscheiden wird, wenn der Ausgang der Entscheidung noch offen zu sein scheint? Diese Experimente sind vielfach und kontrovers diskutiert worden. Ein Streitpunkt ist die Frage, ob sie zu einfache Entscheidungssituationen widerspiegeln und somit nicht echten Willensentscheidungen entsprechen, bei denen komplexe Gründe und Motive abgewogen werden müssen. In unserer Forschung konnten wir jedoch zeigen, dass die Hirnaktivität auch bei komplexen und motivierten Entscheidungen den Ausgang vorhersagt. Ein weiterer Streitpunkt ist die Frage, ob die neurowissenschaftlichen Ergebnisse überhaupt relevant für den freien Willen sind. Deshalb haben wir Meinungsumfragen zur Willensfreiheit unter Laien durchgeführt und festgestellt, dass die Experimente die Intuitionen zu freien Entscheidungen gut wiedergeben. Ein letzter Streitpunkt, der hier behandelt wird, ist die Frage, ob die hirnbasierte Vorhersage einer Entscheidung auch zugleich bedeutet, dass der Ausgang einer Entscheidung damit vorherbestimmt und unabwendbar ist. Wir haben dazu ein Experiment durchgeführt, bei dem Entscheidungen in Echtzeit mit einer Gehirn-Computer-Schnittstelle aus dem EEG ausgelesen und vorhergesagt wurden. Probanden mussten gegen einen Computer in einem „Hirnduell“ antreten und sich möglichst unvorhersagbar verhalten, um Punkte zu gewinnen. Probanden hatten noch lange nach Auftreten der frühen Hirnsignale Kontrolle über ihre Handlung. Das heißt, auch wenn unbewusste Hirnprozesse eine Entscheidung vorbereiten, kann diese Vorentscheidung immer noch abgebrochen werden. Damit bricht ein Eckpfeiler in der neurowissenschaftlichen Diskussion der Willensfreiheit weg. Allerdings sprechen zahlreiche andere Befunde dafür, dass unsere Entscheidungen nicht so frei sind, wie sie uns erscheinen.

 

Donnerstag, 6. Oktober 2016, 19.30 Uhr

Frau Petra Bernardy, Hitzacker

Gefährliche Reise – Erkundung der Brut-, Rast- und Überwinterungsgebiete des Ortolans (Emberiza hortulana) zum Schutz er niedersächsischen Kernpopulation

Warum ist in Niedersachsen seit Jahrzehnten ein kontinuierlicher Bestandsrückgang des Ortolans zu beobachten? Dieser Frage ist die Avifaunistische Arbeitsgemeinschaft Lüchow-Dannenberg mit ihrem Projekt „Erkundung der Brut-, Rast- und Überwinterungsgebiete des Ortolans (Emberiza hortulana) zum Schutz der niedersächsischen Kernpopulation“ auf den Grund gegangen. Die Deutsche Bundesstiftung Umwelt und die Niedersächsische Bingo-Umweltstiftung unterstützten eine dreijährige Untersuchung, die erstmals auch die Zugwege der hiesigen Ortolan-Population mit Hilfe von Hell-Dunkel-Lokatoren erforscht.

Der Ortolan ist eine sperlingsgroße Ammer und gilt als Kennart für trocken-warme, halboffene Ackerlandschaften. In Lüchow-Dannenberg ist diese reich strukturierte Ackerlandschaft mit kleinflächiger Flächennutzung zum Teil gut erhalten, und es bieten sich gute Bedingungen als Brutlebensraum für die Art. So verfügt der Landkreis derzeit über eine stabile Ortolanpopulation mit bis zu 1.500 Sängern. Im westlichen Niedersachsen sowie im gesamten westlichen Europa ist der Ortolan jedoch aus seinen angestammten Bruthabitaten verschwunden und steht heute auf der Roten Liste der in Niedersachen und Bremen gefährdeten Brutvogelarten in der Kategorie RL2 und in der Roten Liste der Brutvögel Deutschlands in der Kategorie RL3. Auch auf europäischer Ebene steht die Art im Rahmen des Anhang I der EU-Vogelschutzrichtlinie unter besonderem Schutz.

Als Transsahara-Zieher ist der Ortolan wie viele andere Fernzieher besonders in seinem Bestand gefährdet. Carry-over-Effekte, also negative Bedingungen auf dem Zug oder im Winterquartier, können die jährliche Fortpflanzungsrate beeinflussen. Aber auch direkte Verfolgung durch illegale Jagd stellt ein Problem für das Überleben des Ortolans dar. Kenntnisse über die Situation im Winterquartier und während des Zuges sind deshalb unverzichtbar, um wirksame Schutzmaßnahmen zu entwickeln. Anhand von Ringfunden lagen bisher sehr wenige Informationen über die Überwinterungs- und Rastgebiete der westeuropäischen Ortolane vor. Ziel dieser Untersuchung war es daher, Datenlücken mit Hilfe der Minilogger zu schließen, um Ursachen für den zu beobachtenden Bestandsrückgang des Ortolans zu ermitteln.

 

Donnerstag, 12. Mai 2016, 19.30 Uhr

Prof. Dr. Klaus Schönitzer, München

Die Abenteuer und Forschungen des Ritter von Spix, erster Zoologe im Amazonasgebiet

Johann Baptist Spix (1781 – 1826) wurde 1808 in München in der Akademie angestellt, um die zoologische Sammlung wis­senschaftlich zu betreuen, aus der die Zoologische Staatssammlung München hervorgegangen ist. 1817 bis 1820 führte er mit dem jüngeren Botaniker Carl F. Ph. Martius eine Aufsehen erregende Reise nach Brasilien durch.

Spix und Martius durchquerten zunächst den trockenen Nordwesten des riesigen Landes und befuhren als erste Naturwissenschaftler den Amazonas. Sie sammelten so weit wie möglich Tiere, Pflanzen, Gesteine und ethnographische Objekte. Die Strapazen und Gefahren waren enorm, sie entkamen nur knapp dem Verdursten, litten unter vielen Tropenkrankheiten und wären beinahe ertrunken. Ihre Sammlungen bilden einen wichtigen Grundstock für die heutige Zoologische und Botanische Staatssammlung sowie das Völkerkunde Museum München. Sie brachten auch zwei lebende Indianerkinder mit, die aber schon bald verstarben.

Spix starb wenige Jahre nach seiner Rückkehr an einer Tropenkrankheit. Dennoch beschrieb er etwa 600 Arten und Unterarten (Vögel, Affen, Fledermäuse, Amphibien und Reptilien). Nach seinem Tod wurden die von ihm gesammelten Tiere von jüngeren Zoologen wissenschaftlich weiter bearbeitet (insbesondere Mollusken, Fische und Insekten). Viele Tiere tragen seinen Namen, zum Beispiel der bekannte Spix-Ara, den Spix entdeckt hat, und der heute in freier Wildbahn ausgestorben ist.

 

Donnerstag, 7. April 2016, 19.30 Uhr

Prof. Dr. Klaus Hackländer, Wien

Licht aus für Meister Lampe? – Ein Fruchtbarkeitssymbol auf der Roten Liste

Feldhasen sind seit der Antike als Fruchtbarkeitssymbole bekannt und gelten hierzulande auch als österliche Eierlieferanten. Doch die Populationen sind europaweit rückläufig. Insbesondere die Intensivierung der Landwirtschaft wird dafür verantwortlich gemacht. Klaus Hackländer berichtet in seinem Vortrag über die Faktoren, die über die Dynamik einer Feldhasenpopulation entscheiden und präsentiert aktuelle Forschungsergebnisse aus Österreich. Im niederösterreichischen March­feld untersucht er seit 1997 die Lebensraumnutzung, Nahrungsökologie, Fortpflanzungsleistung und Populationsdynamik der Feldhasen. Sein Vortrag schließt mit einem Ausblick vor dem Hintergrund der aktuellen Reform der Gemeinsamen Agrarpolitik der Europäischen Union.

 

Donnerstag, 17. März 2016, 19.30 Uhr

Prof. Dr. Andreas Schmidt-Rhaesa

Im Land des Göttervogels – Impressionen aus Costa Rica 

Costa Rica ist trotz vergleichsweise geringer Fläche ein landschaftlich vielfältiges Land, das sich in starkem Maße dem Schutz der Natur verschrieben hat und deshalb für naturwissenschaftlich Interessierte ein beliebtes Reiseziel darstellt.

Der Vortrag stellt einige Landschaftstypen vor (Vulkane, Regenwälder, Küsten und Bergland) und berührt dabei unterschiedlichste Aspekte der Regenwald-Ökologie, der Erdgeschichte und des Tourismus. Wichtige Tiere und Pflanzen, darunter der legendäre „Göttervogel“ Quetzal, werden vorgestellt.

 

Donnerstag, 25. Februar 2016, 19.30 Uhr

Dr. Ingrid Wiesel, Lüderitz/Boltersen

Kann Citizen Science zum Schutz Brauner Hyänen (Parahyaena brunnea) beitragen? Erste Ergebnisse einer Langzeitstudie aus Namibia.

Der Schutzstatus der Braunen Hyäne wurde im Jahr 2000 von nicht gefährdet (LC) auf potentiell gefährdet (NT) geändert, hauptsächlich auf Grund mangelnder Daten, welche die wirkliche Verbreitung und Populationsgrösse und deren Trends belegen könnten. Die Einschätzungen im Jahr 2008 und 2014 konnten sich erneut kaum auf neue Daten berufen, sodass die Datenerhebung und die Beobachtung der Population als Hauptforschungsanliegen bestimmt wurden.

In Namibia verlief die letzte nationale Klassifizierung ähnlich, obwohl die Braunen Hyänen hier auf Grund mangelnder Daten als gefährdet (VU) oder stark gefährdet (EN) eingestuft wurden. Im Jahr 2015 wurden zur Aktualisierung Farmerumfragen, zufällige Sichtungen, wissenschaftliche Beobachtungen und Spezialisteneinschätzungen kombiniert, um bessere Verbreitungs- und Dichteaussagen treffen zu können. Leider nur mit geringem Erfolg, da vor allem die Umfragen sehr fragwürdige Ergebnisse lieferten.

Citizen Science-Projekte erfreuen sich immer größerer Beliebtheit, und das digitale Zeitalter hat moderne Technologien fast jedermann zugänglich gemacht. Kamerafallen, die seit Jahrzehnten von Wissenschaftlern für Studien über das Vorkommen und die Dichte von Arten genutzt werden, sind inzwischen daher nicht nur bei Wissenschaftlern und Jägern zu finden.

Hier entstehen Datenansammlungen innerhalb der Bevölkerung, die der Wissenschaft an sich unzugänglich sind und verloren gehen können. Forscher konzentrieren sich häufig nur auf ihre Fokusarten und Nicht-Wissenschaftler auf der anderen Seite wissen meist nicht, welche Bedeutung ihre Daten haben oder an wen sie sich wenden können.

Das Ziel unserer Studie in Namibia ist es, durch Citizen Science-Projekte die Verbreitung und Dichte Brauner Hyänen zu bestimmen und ein Dichtemodel zu entwickeln, das im gesamten Verbreitungsgebiet anwendbar ist. Als Grundlage wird die Kombination von Kamerafallendaten, GPS und Satellitentelemetrie in einem ausgewählten Studiengebiet dienen, die genetische Verifizierung der Daten findet ebenfalls Anwendung. Es stehen uns bereits mehrere Kamerafallendatensätze anderer Forscher zur Verfügung, und die Einbeziehung der namibischen Bevölkerung ist für dieses Jahr geplant.

Erste Ergebnisse sind vielversprechend, und in diesem Vortrag möchte ich, nach der Vorstellung der Braunen Hyänen, einen Eindruck über die zukünftige Forschungsarbeit an diesen Tieren in Namibia vermitteln.

 

Donnerstag, 21. Januar 2016, 19.30 Uhr

Dr. Susanne Köstering, Potsdam

Ein Haus der Weltnatur. Gebäude- und Ausstellungskonzeption des Naturhistorischen (Zoologischen) Museums in Hamburg im Kaiserreich

Das Naturhistorische Museum in Hamburg galt lange Zeit als zweitgrößtes Naturkundemuseen in Deutschland. Bis heute ist das 1943 zerstörte Museumsgebäude am Steintorwall als herausragendes Beispiel historischer Museumsarchitektur in Erinnerung. Der Vortrag zeichnet die Planungs- und Baugeschichte dieses Baus nach und stellt ihn und die darin verwirklichte Ausstellung in den Kontext der Museumsreformbewegung im Kaiserreich.

Während des Planungsprozesses hatte sich die Gebäudekonzeption verändert. Nachdem die Museumskommission und die Bauverwaltung in den 1870er Jahren bereits zwei verschiedene Bauprogramme erarbeitet hatten, setzte der 1882 eingesetzte Museumsdirektor Prof. Heinrich Alexander Pagenstecher das dritte, entscheidende Programm durch: Er fällte die Entscheidung für einen Hallenbau mit Galerien. Das war eine spezifische Baukonzeption für naturwissenschaftliche Museen, die aber zur gleichen Zeit schon durch das an kulturhistorischen Museen orientierte Lichthofmodell überholt wurde.

Nach Pagenstechers Tod im Jahr 1889 übernahm Prof. Karl Kraepelin die Leitung des Museums. Er setzte in dem nicht dafür gebauten Museum die Trennung zwischen populärer Schausammlung und wissenschaftlicher Forschungssammlung durch und gestaltete eine didaktische, biologisch akzentuierte Ausstellung. Sie wurde 1891 eröffnet und bis 1914 erheblich ausgebaut und modifiziert. Zugleich setzte sich Kraepelin aber schon seit 1900 dafür ein, für das Museum ein anderes Gebäude zu errichten. Seinen Bemühungen war kein Erfolg beschieden: Das Museum verblieb in seinem zunehmend als anachronistisch empfundenen Gehäuse.

Allgemeine Veranstaltungen 2016

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Donnerstag, 10. Dezember 2015, 19.30 Uhr

Miriam Staudte, MdL Niedersachsen, Hannover:
Aktuelle politische Debatten zum Tierwohl im Agrarland Niedersachsen

Etwa 65% des bundesweiten Mastgeflügel-Bestandes, 40% des bundesweiten Legehen- nen-Bestandes und 35% des bundesweiten Schweinebestandes werden in Niedersach- sen gehalten. Enge Ställe, Spaltenböden, kein Tageslicht: Die praktizierten Haltungsfor- men stehen im Gegensatz zu einem wachsenden gesellschaftlichen Interesse an mehr Tierschutz.

Heftige Debatten im Landtag und der Druck der damaligen Opposition führten dazu, dass schon die schwarz-gelbe Vorgängerregierung 2011 den Tierschutzplan in Nieder- sachsen verabschiedete: Über einen mehrjährigen Zeitraum sollen schrittweise neue Tierschutzmaßnahmen verpflichtend werden. In Arbeitsgruppen zu den einzelnen Tier- arten sollen Handlungsempfehlungen erarbeitet werden. Nicht kurative Amputationen wie das Kürzen des Ringelschwanzes bei Schweinen oder des Schnabels bei Legehen- nen sollen auslaufen. Beide Maßnahmen sind EU-rechtlich grundsätzlich schon länger verboten, bisher werden jedoch regelmäßig Ausnahmegenehmigungen erteilt.

Der Grüne Landwirtschaftsminister in Niedersachsen, Christian Meyer, versucht seit dem Regierungswechsel 2013 engagiert, die Maßnahmen des Tierschutzplanes umzu- setzen. Doch selbst neue finanzielle Anreize wie die Einführung der „Ringelschwanzprä- mie“ lösen enorme Proteste der Opposition und des Bauernverbandes aus.

Langsam zeigen sich aber auch Erfolge: Inzwischen hat der Schweinehalterverband in einer Vereinbarung die Ringelschwanzprämie begrüßt. Der Verband der Geflügelwirt- schaft hat mit dem Landwirtschaftsministerium vereinbart, dass den in Niedersachsen gehaltenen Pekingenten künftig auch Wasser zum Baden bereitgestellt werden muss. Wichtige Schritte, die ohne politischen und vor allem gesellschaftlichen Druck sicher nicht zustande gekommen wären.

Doch es gibt noch viel zu tun:
So müssen beispielsweise Managementempfehlungen erarbeitet werden, die Landwir- ten mit konventioneller Tierhaltung aufzeigen, wie künftig gewirtschaftet werden kann. Die Weitergabe von geeigneten Praxisbeispielen ist ein zentraler Punkt bei der Erarbei- tung dieser Empfehlungen. Der Dialog zwischen Bio-Landwirtschaft und konventionel- ler Landwirtschaft muss wieder aufgenommen werden.

Donnerstag, 3. Dezember 2015, 19.30 Uhr
Prof. Dr. Ludwig Huber, Wien:
Früchte vom Baum der Erkenntnis: Vergleichende Kognitionsforschung und Mensch-Tier-Beziehung

Vielfach herrscht (noch) die Ansicht, es sei unsere Denkfähigkeit, die uns prinzipiell von nicht-menschlichen Wesen unterscheidet. Diese kategoriale Unterscheidung beruht auf der Gleichsetzung von menschlichem Denken und Denken überhaupt beziehungsweise auf der Definition von Denken als Denken in Urteilsform. Hinge- gen nähert sich die vergleichende Kognitionsbiologie dem Verständnis tierischer Denkleistungen unter Verwendung geeigneter empirischer Mittel. Es ist dabei über- zeugend gelungen, sich aus der Klammer einer philosophisch verbrämten mensch- lichen Überlegenheit und einer behavioristischen ‘Black Box’-Theorie zu lösen. Kog- nitionsbiologen stellen die Vermutungen über die geistigen Fähigkeiten von Tieren auf eine datenbasierte, sachliche Basis, auch im Bewusstsein der Gefahr von ver- niedlichender und vermenschlichender Attitüde.

Im Vortrag soll gezeigt werden, welche neuen Einsichten eine nüchterne, akribische und methodisch saubere Wissenschaft ermöglichen kann. Dabei kommen tiefgrei- fende Ähnlichkeiten zu menschlichen Denk- und Verhaltensweisen zutage, vor al- lem wenn Kinder und Menschen in Alltagssituationen zum Vergleich herangezogen werden. Kurz zusammengefasst: Manche Tiere handeln intentional und können sich in andere hineinversetzen; sie handeln vorausplanend, erfinderisch oder imi- tieren die Ziele oder Handlungen anderer; sie verwenden, verbessern oder erzeu- gen Werkzeuge; sie bilden Traditionen, kommunizieren flexibel, teilweise sogar re- ferentiell. Sie bilden Gemeinschaften, unterhalten lang andauernde Beziehungen, sind zu Konfliktlösung und gegenseitiger Hilfe fähig und suchen permanent eine Balance zwischen Kooperation und Kompetition.

Im Vortrag werden ausgewählte Beispiele aus der Arbeitsgruppe des Autors vo- gestellt und hinsichtlich ihres Erkenntniswerts sowohl für die Tiere als auch die Forscher interpretiert. Neben Tauben, Papageien, Krallenaffen und Schildkröten werden vor allem Hunde und Schweine die Bühne betreten. Diese beiden Tierarten lassen einen Blick auf die Frage der Domestikation und deren Einfluss auf Intelligenz und Problemlösefähigkeit werfen. Entgegen der oft gehegten Meinung, Domestikation führe zwangsläufig zu einer Einschränkung der genannten Fähigkeiten, zeichnen neueste Befunde ein differenziertes Bild. Möglicherweise weniger im technischen, aber vor allem im sozialen Bereich zeigen Hunde und Schweine hervorragende Fähigkeiten. Bemerkungen zur Tierethik und zur Mensch-Tier-Bezie- hung beschließen den Vortrag.

Donnerstag, 26. November 2015, 19.30 Uhr
Prof. Dr. Dieter Kruska, Kiel:
Hirngrößen bei Säugetieren im Wandel während evolutiver Radiation und in der Domestikation

Die absolute Hirngröße bei den rezenten Säugetieren ist für jede Art typisch aber von Art zu Art sehr unterschiedlich. Sie erstreckt sich über Dimensionen von wenigen Gramm (Insectivora) bis zu über 5 Kilogramm (Wale, Elephanten). Das ist zum Teil durch Un- terschiede in der Körpergröße bedingt, die ja sensorisch und motorisch versorgt wird, aber auch durch eine unterschiedlich starke evolutive Entfaltung bestimmter Hirnteile. Letzteres wird als Encephalisation oder Cerebralisation bezeichnet. Mit der allometri- schen Methode lässt sich in einem Hirngrößenvergleich der Einfluß der Körpergröße eliminieren und die Intensität der Encephalisation quantifizieren. So werden gruppen-

spezifische Plateaus der Hirnentfaltung deutlich. Von der Körpergröße unabhängig hat der Mensch das deutlich größte Gehirn, gefolgt von Zahnwalen, Elefanten und übri- gen Primaten. Die kleinsten Gehirne haben – als „Basale Insektivora“ bezeichnet – die Borstenigel (Tenreciden) von Madagaskar, vor allem Geogale aurita (Zwergtanrek). Die Arten der Nagetiere und der Hasenartigen zeigen ein ähnlich hohes Plateau der Ence- phalisation, mit etwa 2.5mal größeren Gehirnen als die Borstenigel, und die Paar- und Unpaarhufer, sowie die Raubtiere haben wiederum ein höheres aber ähnliches Plateau erreicht, mit 2.0 bis 2.5mal größeren Gehirnen als die Hasenartigen. Beutetiere und Beutegreifer haben demnach im wesentlichen ähnlich große Gehirne. Innerhalb der Ordnungen weichen die verschiedenen Arten vom mittleren Plateau ab mit graduell größeren oder kleineren Gehirnen. Gleichartige Effekte (Konvergenzen) werden bei ganz verschiedenen Gruppen deutlich, indem zumeist an das Baum- oder Wasserleben angepaßte Arten größere Gehirne haben als am Boden oder unterirdisch lebende, nahe verwandte Arten. Gelegentlich haben auch „Riesenformen“ deutlich kleinere Gehirne als ihre körperkleineren nächsten Verwandten, und innerhalb der Unpaarhufer sind die stammesgeschichtlich „moderneren“ Pferdeartigen deutlich (ca. 2.3mal) höher en- cephalisiert als die „altertümlich“ wirkenden Tapire und Nashörner. All dieses deutet auf einen Mosaikmodus evolutiver und adaptiver Hirnentfaltung hin. Das wird auch durch Daten an Fossilien belegt, denn in mehreren Beispielen ist nachweisbar, daß das evolutive Plateau der Encephalisation heute lebender Arten schrittweise ab dem Eozän erfolgte, mit besonders starken „Schüben“ der Hirngrößenzunahme im Pleistozän. In der Radiation der Primaten ist vor allem das Endhirn vergrößert (= Telencephalisation) und darin die Oberfläche der Hirnrinde (Neocorticalisation). Eine Gegenüberstellung der Gehirne von „kleinhirnigen“ Insectivoren mit „großhirnigen“ Primaten und dem Menschen zeigt besonders eindrucksvoll, dass progressive Encephalisation einhergeht mit einer besonders starken Vergrößerung der sog. sekundären Rindenfelder mit asso- ziativen, koordinierenden und integrativen Funktionen. Allerdings können auch beson- dere Spezialisationen (sensorisch, motorisch) zu gradueller Vergrößerung der primä- ren Felder des Neocortex führen.

Mit der Übernahme von wilden Tierarten in den Hausstand vor max. ca. 15 000 Jahren, deren anschließender Vermehrungen unter menschlicher Obhut und damit einher- gehenden züchterischen Maßnahmen hat der Mensch in frühen Zeiten seine eigene kulturelle Entwicklung eingeleitet und sich aus dem Stadium des Jägers und Sammlers erhoben. Dieser Prozess wird als Domestikation von Tieren bezeichnet. Allgemein gilt: zu keiner Zeit hat es eine menschliche Hochkultur ohne Haustiere gegeben und selbst heute bleiben wir von Haustieren in vielfältiger Weise abhängig. Aus der großen Zahl von Säugetieren in weltweiter Verbreitung wurden jedoch nur relativ wenige Arten mit unterschiedlichen Nutzungsansprüchen domestiziert. Sie entstammen den Ordnun- gen Nagetiere, Hasenartige, Unpaarhufer, Paarhufer und Raubtiere. Aus Sicht eines Hirnforschers ist demnach die Domestikation auf sehr unterschiedlichen Plateaus der Encephalisation erfolgt. Die wilden Stammarten der Haussäugetiere sind seit längerem durch archäozoologische Forschungen bekannt und werden momentan durch moleku- largenetische Resultate bestätigt. Hirngrößenvergleiche können demzufolge durchgeführt werden zwischen wilder Stammform und daraus hervorgegangener Haustier- form. Zoologisch gewertet handelt es sich dabei um einen innerartlichen Vergleich, weil beide Formen ein und derselben Tierart angehören. Solche Vergleiche sind für mehrere Arten durchgeführt worden und übereinstimmend hat sich Folgendes erge- ben: Die regelhaften Beziehungen zwischen Hirngröße und Körpergröße sind jeweils bei Wild- und Haustier identisch und durch die Domestikation nicht geändert. Haus- tiere haben aber bei vergleichbarer Körpergröße grundsätzlich kleinere Gehirne, und damit hat die Domestikation zu einer Abnahme der Hirngröße geführt. Die Intensi- tät der Abnahme ist allerdings unterschiedlich, bei Arten höherer Encephalisation (Huftiere, Raubtiere) mit 16 % (Pferde, Esel) bis fast 35 % (Kühe, Schweine) deutlich größer als bei Arten auf geringerem Plateau (Nagetiere, Hasenartige) mit 0 % (Labormaus) bis 15 % (Laborgerbil, Meerschweinchen). Demnach läßt sich generalisie- ren: Wer in der evolutiven Entfaltung mehr Hirnmasse erworben hat scheint in der Domestikation besonders viel zu verlieren. Sehr vielfältig und offenbar artspezifisch sind die Abnahmen der verschiedenen Hirnteile, sodass auch in der Domestikation ein mosaikartiger Wandel erkannt werden kann. Mehrheitlich haben vor allem das Endhirn und darin die Hirnrinde bei den meisten Arten stärker abgenommen als das Gesamthirn. Der Hippocampus ist eine kleinere aber besondere Region im Endhirn mit einer enorm dichten Lagerung von Nervenzellen. Er bildet das Zentrum des sog. „limbischen Systems“, steht unter dem Einfluss von anderen Hirnregionen, ist aber hauptsächlich endogen wirksam. Das limbische System zeigt Beziehungen zu mehre- ren Funktionskomplexen, vor allem zu solchen des emotionalen Verhaltens und der Selbstverteidigung, zusätzlich aber auch zu Lernleistung und Gedächtnis. Emotionale Aktionen und Reaktionen des Unterbewusstseins, Aggressivität, affektive Leistungen, Aufmerksamkeit sowie Antriebs- und Aktivierungsfunktionen werden im Hippocam- pus angeregt, kontrolliert und reguliert. Gerade dieser Hirnteil ist besonders stark ge- mindert – stärker noch als Gesamthirn und Hirnrinde – bei Meerschweinchen, Schaf, Hund und Schwein, weniger allerdings bei Laborgerbil, Lama/Alpaka und Farmnerz. Die Abnahme der Hirngröße in der Domestikation ist genetisch bedingt und eine Fol- ge der Selektion durch den Menschen. Das wird durch Kreuzungen von Wild- mit Haustier belegt (Wolf-Pudel, Gerbil-Laborgerbil, Wild-Hausschwein). Sie ist bereits re- lativ schnell, nach ca. 70 – 80 Generationen in der Domestikation erreicht. Verwilde- rung von Haustieren führt selbst nach mehreren 1 000 Generationen Leben in freier Wildbahn nicht wieder zur ursprünglichen Hirngröße der Wildform, frei nach der Re- gel: Einmal domestiziert, immer domestiziert. Im Volksmund werden Haustiere häu- fig als dumm bezeichnet (dummes Schwein/Schaf, blöde Kuh). In vielen Tests zu Lern- fähigkeit und anderen Verhaltensparametern zeigen sie aber viel bessere Leistungen als ihre wilden Artgeschwister. Alles in allem wurden die Haustiere in Hirngröße und -zusammensetzung vom Menschen an die besonderen „ökologischen“ Bedingungen der Domestikation weitgehend konvergent angepasst.

Donnerstag, 19. November 2015, 19.30 Uhr

Prof. Dr. Harald Schliemann, Hamburg:

Unsere Haustiere – neue Methoden und neue Erkenntnisse zur Domestikation ihrer wilden Stammformen

Alle unsere Haustiere sind durch Domestikation aus wild lebenden Stammarten ent- standen. Als Domestikation, Überführung in den Hausstand, wird ein Vorgang be- zeichnet, während dessen der Mensch Wildtiere (und Wildpflanzen) durch Zuchtwahl und Isolation verändert und seinen Bedürfnissen angepasst hat. Durch diese häufig sehr weit gehenden Veränderungen entstehen und entstanden aus den wild lebenden Stammarten keine neuen Arten, sondern Zuchtrassen – das bedeutet, dass sich die Veränderungen der Haustiere in der menschlichen Haltung innerartlich abspielen. Do- mestikation ist, mit anderen Worten, ein intraspezischer

Wandel. Das bedeutet auch, dass alle Haustierrassen einer Stammart mit dieser eine potentielle Fortpflanzungsgemeinschaft bilden, so lassen sich z.B. die Vertreter aller Hunderassen fruchtbar mit Wölfen kreuzen.
Die Vielzahl der Tierarten, die domestiziert wurden und die ungeheure Individuenzahl von Haustieren, die heute weltweit zu den verschiedensten Zwecken gehalten werden, weisen auf eine kaum zu überschätzende historische und aktuelle Bedeutung für die menschliche Gesellschaft hin. Es ist nicht erstaunlich, dass es gerade heute um Haus- tiere, ihre Zucht, ihre Haltung und verantwortungsvolle Nutzung viele Fragen und in- tensive Diskussionen in der Öffentlichkeit gibt. In der Wissenschaft erregen seit eini- ger Zeit neue und zahlreiche Untersuchungen besonderes Interesse, die mit Hilfe der Molekulargenetik neues Licht auf die Abstammung der Haustiere werfen. Bislang nur unsicher beantwortete Fragen nach dem Abstammungsalter, nach Domestikationsor- ten und weiteren Umständen ihrer Entstehung finden Antworten, die teils alte Erkennt- nisse bestätigen und teils neue Einsichten ermöglichen. Nach kurzen methodischen Hinweisen wird dies exemplarisch dargelegt.

 

Haustiere haben für menschliche Gesellschaften eine große Bedeutung. Schon wenige Zahlen illustrieren dies: In unseren deutschen Haushalten leben mehr als 11 Millionen Katzen, nahezu 7 Millionen Hunde und 6 Millionen Kleintiere, und in unserem Land werden derzeit weiterhin über 28 Millionen Schweine, 13 Millionen Rinder, über 11 Millionen Puten und 38 Millionen Legehennen gehalten. Erstere bereichern als gelieb- te Heimtiere häufig wie Familienmitglieder unser Leben, aber wir bedienen uns ihrer auch für vielfache Hilfsleistungen, letztere sind als „Nutztiere” für die Fleischprodukti- on und unsere Ernährung unabdingbar. Und wenn man die Geschichte der Mensch- heit betrachtet, dann steht fest, dass ohne Haustiere ihre Entwicklung über das Jäger- Sammlerdasein hinaus nicht möglich gewesen wäre.

Eher unbemerkt vom breiten Publikum interessiert sich die Wissenschaft für die Ab- stammung der Haustiere von ihren wild lebenden Ahnen sowie für Fragen von Bau und Leistung ihrer Gehirne, ein Gebiet, dessen Bedeutung bis in die Tierethik hineinreicht. In der breiten Öffentlichkeit wird vor dem Hintergrund unterschiedlicher gesellschaft- licher Interessen diskutiert und gestritten, wie die Haltung von Nutztieren ethischen Maßstäben genügen kann. Die Umstände ihres kurzen Lebens sind häufig nicht akzep- tabel.

In diesem Zusammenhang möchte der Naturwissenschaftliche Verein in Hamburg mit seiner diesjährigen Vortragsreihe „Domestikation” vier grundlegenden Fragen nachge- hen, nämlich:

  • Gibt es neue Erkenntnisse der Wissenschaft zur Abstammungsgeschichte un-serer Haustiere von ihren wild lebenden Stammarten? Welche Beiträge liefern insbeson- dere die modernen Verfahren der Molekulargenetik zu diesen Fragen?
  • Haben sich bei dem Wandel der Wildarten zu Haustieren außer z.B. der Verände- rung der Körpergröße auch die Gehirne verändert, und wenn ja, in welchen Hirn- bereichen gibt es Veränderungen und was bedeuten sie?
  • Wie beurteilt die moderne Kognitionsbiologie Intelligenz und Problemlösefähig- keit von Haustieren und gibt es diesbezüglich vielleicht sogar Ähnlichkeiten mit menschlichen Denk- und Verhaltensweisen?
  • Wie sollte sich unsere Gesellschaft in der Erkenntnis, dass unsere Nutztiere über hoch entwickelte Gehirne verfügen, die den unsrigen ähneln, sie also leidensfähig sind, zu ihrer industriemäßigen Haltung einstellen? Wie halten wir es mit der Tie- rethik und welche Lösungen strebt die Politik an?In vier Einzelvorträgen werden auf diese Fragen Antworten gegeben.

Harald Schliemann

Öffentliche Vortragsreihe 2015: 

Domestikation – Neue Befunde der Haustierforschung. Abstammung, Gehirn, Kognition, Tierhaltung

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Donnerstag, 29. Oktober 2015, 19.30 Uhr

Die Ära der Zwerge – Pleistozäne Großsäugerfaunen im Mittelmeerraum

 Dr. Daniela Winkler, Hamburg

Während des Pleistozäns (vor 2,6 Mio. – 11.700 Jahren) beherbergten die Mittelmeerinseln Kreta, Mallorca, Malta, Sizilien und Zypern sowie einige ihrer kleineren Nachbarinseln einzigartige Säugetierfaunen. Durch Isolation und ein geringes Angebot an Nahrung zeigen die einzelnen Tierarten auf allen Inseln wiederkehrende evolutionäre Anpassungen: große Arten wie Elefanten und Flusspferde werden kleiner, Kleinsäuger wie Siebenschläfer oder Spitzmäuse werden mit der Zeit größer.  Da noch weitere gemeinsame Evolutionsmuster beobachtet werden können, spricht man in diesem Zusammenhang auch von „Inselregeln“.

Dieser Vortrag gibt einen Einblick in die Lebenswelten von hüfthohen Zwergelefanten, langsamen Zwergziegen und Zwergflusspferden, die im Hochplateau lebten, und erklärt an ihren Beispielen das Zusammenwirken verschiedener Faktoren, die die Inselregeln bedingen. Weiterhin zeigen Beispiele aus der aktuellen Forschung der Arbeitsgruppe Säugetiere am Centrum für Naturkunde, dass die Nahrungsökologie der Inselsäuger sich von ihren kontinentalen Verwandten stark unterscheiden kann.

 

Donnerstag, 28. Mai 2015, 19.30 Uhr

Die Rückkehr des Fischotters. Eine Erfolgsgeschichte des Otterschutzes

Dr. Hans-Heinrich Krüger, Otterzentrum Hankensbüttel

Der Fischotter war im letzten Jahrhundert über weite Flächen Deutschlands verschwunden. In einigen westlichen Bundesländern ist dies auch heute noch der Fall. Aber es gibt seit gut zwanzig Jahren auch eine deutliche Tendenz, dass der Fischotter sein verlorenes Areal wieder zurückerobert. Selbst in der Großstadt Hamburg konnte diese faszinierende Tierart seit einigen Jahren wieder nachgewiesen werden.

Das Ausstreben des Otters ist sicher nicht auf einen Grund zurückzuführen. Hier hat ein ganzes Bündel von Ursachen mitgewirkt: Intensive Bejagung, Umweltgifte wie PCB, Verlust von Lebensräumen durch Fluss- verbauungen, damit einhergehend der Verlust von Nahrung (Fischen), das Ertrinken in Fischreusen und der Tod auf der Straße, um nur die wichtigsten Gründe anzuführen. Der Tod auf der Straße ist in den letzten Jahren die wichtigste Todesursache. Otterschützer versuchen diesem Sterben entgegenzuwirken, indem sie Brückenbauwerke fordern, die den Fischottern das Queren der Straße erlauben.

Durch seine semiaquatische Lebensweise weist der Fischotter gegenüber den anderen Raubsäugern einige anatomische und physiologische Besonderheiten auf, die ihn besonders interessant erscheinen lassen. So ist es Fischottern möglich, selbst im Winterhalbjahr ihre Jungtiere erfolgreich aufzuziehen.

Der Vortrag stellt die Bestandesentwicklung und die Lebensweise des Fischotters dar, um noch mehr Menschen von dieser Tierart zu faszinieren.

 

Donnerstag, 23. April 2015, 19.30 Uhr

Fledermäuse als Verlierer der deutschen Energiewende: Kein Kavaliersdelikt sondern Bruch internationaler Abkommen

PD Dr. Christian C. Voigt, Berlin

Fledermäuse sind nach nationalem und internationalem Recht geschützt, und ziehende Arten stehen zudem unter dem besonderen Schutz einer UN-Konvention. Dennoch verunglücken Tausende Fledermäuse jedes Jahr an deutschen Windkraftanlagen. In meinem Vortrag werde ich den Konflikt zwischen Windenergie und Artenschutz am Beispiel der Fledermäuse beschreiben, die internationale Dimension dieses Problems aufzeigen und nach Lösungsansätzen suchen.

Deutschland strebt einen deutlichen Ausbau der erneuerbaren Energie vor allem im Bereich der Windkraft an. Seit nunmehr zwei Jahrzehnten ist bekannt, dass Fledermäuse zum Teil in großen Stückzahlen an Windkraftanlagen zu Tode kommen. Dabei verunglücken sie entweder an einem Stoßtrauma oder an einem Barotrauma. Wissenschaftliche Studien zeigen, dass pro Jahr 10-12 Fledermaus-Schlagopfer an jeder Windkraftanlage in Deutschland verunglücken, sofern die Anlagen nicht bei hoher Fledermausaktivität abgestellt werden. Ich argumentiere, dass diese Zahlen vermutlich deutlich unterschätzt werden, da mild barotraumatisierte Fledermäuse mit verletztem Gehörsinn nicht unmittelbar an der Gewalteinwirkung versterben, sondern erst später verhungern. Siebzig Prozent aller an Windkraftanlagen gefundenen Fledermaus-Schlagopfer gehören wandernden Arten an. Diese kreuzen während ihrer alljährlichen Migration zwischen Nordosteuropa und Zentral-/Westeuropa zweimal den deutschen Luftraum. Die Schlagopferzahlen an den mehr als 24.000 on-shore Windkraftanlagen lassen vermuten, dass die Populationen in den Herkunftsgebieten unter den Verlusten in Deutschland leiden könnten. Studien aus Nordamerika legen den Schluss nahe, dass größere Windkraftanlagen unverhältnismäßig höhere Schlagopferzahlen verursachen, sodass beim Ausbau der Windkraft, sowie beim sogenannten ‚Repowering’, hohe Verluste an Fledermäusen in Zukunft zu erwarten sind, sofern in der Politik und der Rechtsprechung der besonderen Verantwortung Deutschlands zum Schutz migrierender Fledermäuse nicht Rechnung getragen wird.

 

Donnerstag, 26. März 2015, 19.30 Uhr

Zur Neurobiologie sozialer Beziehungen – wie die Gehirne von Verliebten ticken

Prof. Dr. Silke Anders, Lübeck

Seit einigen Jahren erlauben uns moderne bildgebende Verfahren und Techniken aus der Neuroinformatik nicht nur, dem menschlichen Gehirn sozusagen „bei der Arbeit zuzusehen“. Sie ermöglichen es sogar darzustellen, wie neuronale Information während zwischenmenschlicher Kommunikation von dem Gehirn der einen Person in das Gehirn der anderen Person fließt. So können wir mit Hilfe dieser Techniken beispielsweise den Fluss von Informationen zwischen den Gehirnen von Verliebten und Fremden vergleichen. Nicht ganz überraschend zeigen unsere Daten, dass der Fluss emotionaler Informationen zwischen den Gehirnen von Verliebten einem kräftigen Frühlingsbach gleicht, während er bei Fremden eher ein kleines Rinnsal ist. Können uns diese Erkenntnisse auch helfen zu verstehen, wie partnerschaftliche Beziehungen und soziale Netze entstehen?

 

Donnerstag, 26. Februar 2015, 19.30 Uhr

Neues aus dem Dunkel – wie Höhlentiere entstehen

Prof. Dr. Horst Wilkens, Hamburg

Durch den Verlust ihrer Augen und ihre geisterhafte Bleiche gehören dauerhaft in Höhlen lebende Tiere zu den bizarrsten Lebewesen. Es gibt sie in den verschiedensten Tiergruppen, z. B. bei Krebsen, Spinnen, Fischen und Molchen. Für die Evolutionsforschung sind sie von besonderer Bedeutung, da neben einer unterirdisch lebenden Form vielfach nahverwandte oberirdische Schwesterarten existieren. Bereits in den 1930er Jahren erkannte der Evolutionsgenetiker Curt Kosswig, dass sich hieraus die einzigartige Möglichkeit ergibt, Einsicht in den genetischen Evolutionsprozess komplexer Merkmale zu gewinnen. Hierzu gehören regressive Prozesse wie die Rückbildung der Augen oder des Körperpigments genauso wie die konstruktiven oder adaptiven Prozesse, die der Anpassung an das Leben im ewigen Dunkel dienen. So verlängern sich zur Orientierung beispielsweise die Antennen von Insekten und Krebsen, oder bei Fischen wird das Seitenlinienorgan verbessert. Nach anfänglichen Experimenten mit einer blinden Höhlenassel entdeckte Kosswig den mexikanischen Salmler Astyanax mexicanus als Versuchstier. Aus dieser weitverbreiteten Fischart sind in einem Karstgebiet in Mexiko nahezu 30 Höhlenpopulationen hervorgegangen, die mit der oberirdischen Form kreuzbar sind. An diesen Fischen wird in Hamburg seit Jahrzehnten gearbeitet. Das sogenannte Astyanax-Modell ist inzwischen auch Forschungsgegenstand etlicher Arbeitsgruppen in den USA und in Frankreich. Dies hat eine Vielzahl von Ergebnissen zur Genetik des Evolutionsprozesses rückgebildeter und adaptiv verbesserter Organe und Verhaltensweisen ergeben. Der aus Südamerika eingewanderte Fisch hat die Höhlen in Nordmexiko in mehreren Wellen besiedelt. Der Grad der Rückbildung beispielsweise des Auges ist mit dem phylogenetischen Alter korreliert, d. h. die ältesten Populationen sind am stärksten reduziert. Die Untersuchungen tragen zudem zur Klärung des Disputes bei, ob die Rückbildung im Dunkeln funktionslos gewordener Merkmale durch Selektion getrieben wird oder infolge des Mutationsdruckes – also durch einfache Ansammlung von Mutationen im Laufe der Zeit – vergleichbar der neutralen molekularen Evolution erfolgt.

 

Donnerstag, 12. Februar 2015, 19.30 Uhr

Das neue Hamburger Centrum für Naturkunde (CeNaK)

 – Perspektiven für die naturwissenschaftlichen Museen und Sammlungen der Universität

Prof. Dr. Matthias Glaubrecht, Hamburg

Für die naturwissenschaftlichen Museen und Sammlungen Hamburgs, das Zoologische Museum, das Mineralogische Museum und das Geologisch-Paläontologische Museum, hat sich im vergangenen Jahr eine neue und bemerkenswert positive Perspektive ergeben: Das Präsidium der Universität hat die drei Einrichtungen aus der MIN-Fakultät herausgelöst und in einem neu geschaffenen „Centrum für Naturkunde“ zusammengeführt. Das Centrum ist eine zentrale Betriebseinheit der Universität mit einem eigenen Personal- und Sachmittelhaushalt.

Der Vorgang steht in einem engen Zusammenhang mit der Berufung von Prof. Dr. Matthias Glaubrecht als Direktor des Centrums und Leiter des Zoologischen Museums.

Mit diesen Schritten ist die erklärte Absicht verbunden, die Sammlungsschätze der drei Museen dauerhaft zu erhalten, sie für die Wissenschaft und zugleich für die Hamburger Bürger innerhalb eines zentralen Naturkundemuseums zugänglich zu machen. In der Forschung sollen dort vordringliche, aktuelle Probleme der Biodiversitäts- und Evolutionsforschung bearbeitet werden.

Seit vielen Jahren erfahren die naturwissenschaftlichen Sammlungen innerhalb der Universität damit eine Aufmerksamkeit und Wertschätzung, die nicht nur ihre Bestände  und Funktionsfähigkeit, auch die einer modernen Forschung sichern, sondern die berechtigte Hoffnung auf die Neuschaffung eines Hamburger Naturkundemuseums einschließen. Es steht zu hoffen, dass sich für ein so bedeutsames Vorhaben über die Universität hinaus Hamburger Bürger, Politik sowie Stiftungen und Sponsoren engagieren werden.

Donnerstag, 22. Januar 2015, 19.30 Uhr

Die andere Sexualität der Pflanzen.

Dr. Winfried Kasprik, Hamburg

„Sexualität“ lässt sich auf das Grundphänomen der Zellverschmelzung reduzieren. Es kommen bewährte und neue Eigenschaften zusammen, die an Nachkommen weitergegeben werden. – Pflanzen im weitesten Sinne sind Organismen, die dank der Photosynthese „autotroph“ sind und fremde organische Substanz zum Überleben nicht brauchen. Das hat Vorteile und Nachteile. Von einer gewissen Organisationshöhe an sind Pflanzen „sessil“, sie sind ortsgebunden, sie „kommen nicht zueinander“. Dass Pflanzen Sex haben, ist gar nicht so offensichtlich. Ihre Sexualität – zumindest an Land – ist an Vektoren gebunden, es handelt sich also um „vermittelte Sexualität“. Die Strukturen und Prozesse, die letztlich zur Gametenfusion führen, sind von unübersehbarer Vielfalt und waren bis zum Aufkommen der Mikroskopie nicht zu sehen und zu deuten. – Heute wird erkennbar, dass der molekulare Baukasten, der zu diesen Erscheinungen führt, schon früh bei der Entstehung der Eukaryonten zusammengestellt wurde. Im Vortrag soll gezeigt werden, welche Formen der Sexualität sich im Verlaufe der Evolution der grünen Pflanzen („Chlorobionta“ im weitesten Sinne, unter Einschluss der Algen) ergeben haben. Die Fülle der Erscheinungsformen von Sexualität im Pflanzenreich bleibt nach wie vor faszinierend und kann Menschen beeindrucken.

Allgemeine Veranstaltungen 2015

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Donnerstag, 4. Dezember 2014, 19.30 Uhr

Spuren im Netz. Wie Täter Computer nutzen und was sie überführt.

Prof. Dr. Tobias Eggendorfer, Ravensburg

Eine Karikatur sagt: „In the net, no one knows, you are a dog.“ Diese wahrgenommene Anonymität verleitet Menschen zu Handlungen, die in der Realität sozial stark sanktioniert sind. Das reicht von dümmlichen Anfeindungen, dem „Trollen“, über Beleidigungen bis hin zu Massen-Betrügereien. Daneben stehen die klassischen Computerstraftaten wie Ausspähen von Daten, Einbrechen in Systeme oder Computersabotage.

Auch im Netz gilt das Locard‘sche Prinzip, das jede Interaktion Spuren hinterlässt. Doch durch die Abstraktheit der Informatik scheinen sie schwerer greifbar. Auch stehen sie viel mehr als Spuren an klassischen Tatorten im Spannungsfeld zwischen Datenschutz, Privatsphäre und Tätersuche, sodass vieles, was Rechner automatisch aufzeichnen, nicht genutzt werden darf. Die berechtigten Interessen sind nicht einfach abzuwägen.

Der Vortrag stellt exemplarisch Straftaten im Netz vor, zeigt wie sie typisch begangen werden und welche Spuren ein Täter dabei hinterlässt, wie er sie verwischen kann und wo Interessenskonflikte entstehen.

 

Donnerstag, 27. November 2014, 19.30 Uhr

Spuren an und um Leichen

Dr. Mark Benecke, Köln

Sobald ein Mensch stirbt, beginnen die biologischen Zersetzungsprozesse des Leichnams. Zum einen vom innen heraus, z. B. aus dem an Bakterien reichen Darm zum anderen aber auch von außen, vor allem durch Insekten und Tiere der Umgebung. Dabei gibt es eine Reihenfolge, in der ein freiliegender Leichnam  und seine nähere Umgebung typischer Weise besiedelt werden. Die genaue Kenntnis der Insektenarten und ihrer Entwicklungsbedingungen ermöglicht es, eine Reihe von Fragen z.B. nach dem Todeszeitpunkt, oder ob der Fundort der Tatort ist, zuverlässig zu beantworten. Der Vortrag ist interaktiv ausgestaltet, d.h. die Zuhörer können zu Beginn durch Abstimmung entscheiden, welche Facette schwerpunktmäßig behandelt werden soll.

 

Donnerstag, 20. November 2014, 19.30 Uhr

Was die Toten uns lehren

Prof. Dr. Klaus Püschel, Hamburg

Das Fach Rechtsmedizin (alter Ausdruck: Gerichtsmedizin) übt auf viele Menschen eine besondere Faszination aus. Dabei dürften die Vorstellungen über die Möglichkeiten und Grenzen dieser naturwissenschaftlichen Disziplin nicht selten falsch sein – und zwar in dem Sinne, dass man dem analytischen Denken und Vermögen zu viel zutraut und auch über die Ausstattung der Institute sowie die Grenzen bei der Untersuchung von Lebenden und Toten sowie im Labor zu wenig weiß. – Rechtsmediziner sind keine Fallanalytiker, keine Profiler und erst recht keine Ermittler. Sie sind Ärzte, die medizinische Sachverhalte für Polizei und Staatsanwaltschaft verständlich darzulegen versuchen. – Das Motto: „Von den Toten lernen für das Leben. – Tote, Verletzte lesen wie ein Buch.“

 

Donnerstag, 6. November 2014, 19.30 Uhr

Von der Kriminaltechnik zur Forensic Science oder wenn die Spuren reden…

LRD Matthias Burba, Hamburg

Mit diesem Vortrag, der zugleich Titel einer Veranstaltungsreihe des Naturwissenschaftlichen Vereins ist, soll jenseits von CSI ein Einblick in aktuelle Entwicklungen in der Kriminaltechnik gegeben werden. Diesem Einführungsvortrag folgen weitere, die sich mit Problemstellungen aus der Rechtsmedizin, der Forensischen Entomologie sowie der Forensischen Informations- und Kommunikationstechnik beschäftigen.

Die Rolle des Sachbeweises, dem immer  häufiger eine kriminaltechnische Untersuchung vorausgeht, kommt  bei Gerichten, den Staatsanwaltschaften und der Polizei eine immer größere Bedeutung zu. Aber auch Versicherungen oder NGOs sind an der wissenschaftlichen Bewertung von Spuren in steigendem Maße interessiert.

Man kann sich der Thematik  des Vortrages auf verschiedenen Wegen nähern.

Nähert man sich dieser Entwicklung aus einer eher naturwissenschaftlich geprägten Sicht, so beschäftigt man sich mit der rasanten Weiterentwicklung von Untersuchungsmethoden in einer Vielzahl von naturwissenschaftlichen Einzeldisziplinen, der permanenten Steigerung der Nachweismöglichkeiten und dem Problem, die Ergebnisse unterschiedlichster Fachrichtungen und Methoden zumindest aufeinander beziehbar, besser interdisziplinär verknüpft zu behandeln.

Legt man den Fokus auf die Rahmenbedingungen, unter denen die wissenschaftlichen Resultate z.B. in einen Strafprozess eingebracht werden können, so ergibt sich ein anderes, ambivalentes Bild. Die relativ statischen Normen des Strafprozessrechtes, die eine Vielzahl von wissenschaftlich möglichen Untersuchungen prozessual ausschließen, kontrastieren mit einer europäischen Rechtsentwicklung, die mit einer erheblichen Dynamik die Rahmenbedingungen konkretisiert.

In der internationalen Literatur wird das Geflecht aus naturwissenschaftlichen und rechtlichen Rahmenbedingungen als Forensic Science(s) bezeichnet.

Man kann aber auch die Bedürfnisse der Nachfrager nach wissenschaftlicher Beratung zum Ausgangspunkt der Betrachtung nehmen. Gerichte, Staatsanwaltschaften, die Polizei aber auch NGOs haben z.T. sehr unterschiedliche Erwartungshaltungen.

Nimmt man hingegen die institutionellen Formen, in denen eine forensische wissenschaftliche Beratung erfolgen kann, zum Ausgangspunkt  der Darstellung, so ergeben sich eine Vielzahl von öffentlichen aber auch privaten Institutionen, die je nach Problemstellung gutachterlich einbezogen werden können.

Dieser letzte Ansatz soll im Vortrag vertieft behandelt werden, gibt er doch die darstellungsmäßig beste Möglichkeit, die unterschiedlichen Facetten des Themas exemplarisch herauszuarbeiten.

Dazu wird zunächst ein Überblick über die forensisch tätigen Institutionen z.B. in Hamburg gegeben, gefolgt von der Frage, wie in dieser sehr heterogenen Landschaft die wissenschaftlichen Ergebnisse in einen sie  verbindenden Rahmen gestellt werden.

Den Rahmen für eine einzelne Spur setzt das Konzept der Leitspur. Der daraus und aus den übrigen Ergebnissen der  Ermittlungen  resultierende Untersuchungsauftrag ist das Instrument, mit dem der  Verlauf der Untersuchung  eine Richtung erhalten kann.

Der durch Akkreditierung gesetzte institutionelle Rahmen wird hingegen nur kursorisch dargestellt.

Anhand von typischen Fallkonstellationen wird im weiteren Verlauf ein Einblick in die systematische Vorgehensweise und die wissenschaftlichen  Möglichkeiten der modernen Kriminaltechnik  gegeben.

Das Spannungsverhältnis zwischen wissenschaftlichen Möglichkeiten einerseits und den rechtlichen Beschränkungen andererseits soll abschließend an verschiedenen Beispielen insbesondere aus dem Bereich der DNA-Analyse erörtert werden.

 

 

Verbrechen und ihre Aufklärung sind für Leser wie Zuschauer von hohem Unterhaltungswert. Die Popularität von Krimis im Fernsehen oder auch von Kriminalromanen ist ungebrochen. Dabei spielt medial wie in der Praxis die Kriminaltechnik aber auch die Rechtsmedizin mit ihrer Fähigkeit, aus am Tatort vorgefundenen Spuren mit wissenschaftlichen Methoden Hinweise auf das Tatgeschehen geben zu können, ein wichtige Rolle. Das Gebiet der klassischen Kriminaltechnik hat sich dabei in den letzten Jahren wissenschaftlich und methodisch zur Forensik mit einer grossen Bandbreite von Fachdisziplinen rasant weiterentwickelt. Diese Weiterentwicklung erschöpft sich allerdings nicht nur in den medial stark beachteten Möglichkeiten der  DNA-Untersuchungen. Auch in vielen anderen Disziplinen gibt es eine Fülle von  Fortschritten, ganz zu Schweigen von der Problematik, dass die zu lebende Interdisziplinarität alle Beteiligten vor ganz neue  Herausforderungen stellt. Jenseits von CSI (Crime Scene Investigation) möchte die Vorlesungsreihe einen Einblick in die wissenschaftlichen Hintergründe und die  Vielfalt der Untersuchungsmethoden und -ansätze geben. Die 4 Vorträge geben neben einer Einführung einen Einblick in die Rechtsmedizin, die forensische Entomologie sowie die forensische Informations- und Kommunikationstechnik.

2. Öffentliche Vortragsreihe 2014:

Von der Kriminaltechnik zur Forensic Science

Der Einsatz moderner naturwissenschaftlicher Methoden bei der Aufklärung von Verbrechen

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Donnerstag, 30. Oktober 2014, 19.00 Uhr 

Das Ungeheuer von Loch Ness – mysteriös seit Urzeiten

Prof. Dr. Olav Giere

Immer wieder Sichtungen ominöser Wesen in diesem mysteriösen, dunklen See. Was ist dran am „monster“? Überlebender Saurier, Riesenfisch, Touristenscherz? Was ergaben Sonarmessungen, Tauchbootfahrten und populationsbiologische Auswertungen? Die kontroversen Ansichten werden nüchtern dargestellt und auf wissenschaftliche Plausibilität überprüft.

Donnerstag, 16. Oktober 2014, ausnahmsweise nicht um Mitternacht, sondern vorgezogen auf 19.00 Uhr! 

Von Vampyren oder Menschen-Saugern

PD Dr. Reinmar Grimm

Sind sie noch unter uns, die „blutsaugenden Nachtgestalten“? Im Internet treiben sie fröhliche Urständ: man kann sich kaum retten vor Bildern mit blutverschmierten Mündern und langen, spitzen Eckzähnen. Vampire haben Bücher und Filme erobert. Aber was verbirgt sich wirklich hinter ihnen: Wahn oder Wirklichkeit? Der Vortrag versucht mit gebotener wissenschaftlicher Nüchternheit, dem Phänomen des Vampirismus auf den Grund zu gehen.

 

Donnerstag, 25. September 2014, 18.15 Uhr

Werwölfe – neue Erkenntnisse zur Metamorphoseforschung

Dr. Henry Tiemann

Werwölfe, seit Urzeiten bekannte Lebewesen, sind in Gestalt des „Fenrir Greyback“ durch die Harry-Potter-Romane wieder ins Blickfeld gerückt. Mit moderner Molekularbiologie sind heute Entwicklungen fassbar, die aus einem Genom ganz verschiedene Morphen entstehen lassen. Die Metamorphose auch eines Menschen zu einem Werwolf wird damit einer Erklärung näher gebracht. Zusätzlich lassen uns Ergebnisse der Humanethologie, der Atavismen-Analyse und der Domestikationsforschung das Auftreten von Werwölfen verstehen.

 

Und anschließend: ca. 18.30 Uhr

Zur Naturgeschichte von Drachen – Beiträge zur Dracologie

Prof. Dr. Olav Giere

Sie sind weltweit verbreitet, zumindest im Glauben der Völker. Sie fliegen, speien Feuer und horten Schätze. Wir wollen untersuchen, ob sich die phantastischen Berichte und ungewöhnlichen Eigenschaften der Drachen wissenschaftlich erklären lassen, ohne uns in der Vielfalt folkloristischer Überlieferungen zu verlieren.

Donnerstag, 11.September 2014, 18.15 Uhr 

Einführung

Prof. Dr. Olav Giere

Mystery-Geschichten und Fantasy-Figuren sind populär wie nie, in den Medien übertreffen sich die wildesten Alien-Filme. Zeit also, in naturwissenschaftlich-exaktem Rahmen einmal auszuloten, was es mit einigen beliebten, geradezu unsterblichen Monstern auf sich hat. Die ergebnisoffenen Analysen werden nicht allen ‚followern’ gefallen. Wir stützen uns mit dieser Vortragsserie auf einen erfolgreichen Vorläufer vor 25 Jahren und eine Preisverleihung für „Kryptozoologie“ in unserem Museum im Jahre 1997.

1. Öffentliche Vortragsreihe 2014: 

Phantastische Zoologie – Fakten, Fabeln, Phänomene

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Donnerstag, 22. Mai 2014, 19.30 Uhr

Wie geht es Finte, Stint und Co? Aktuelles über Zustand und zukünftige Entwicklung der Fischfauna in der Tideelbe

 Prof. Dr. Ralf Thiel, Hamburg

Die Elbe zwischen Hamburg und Cuxhaven ist ein bedeutsamer Lebensraum für zahlreiche Fischarten, von denen einige auch wirtschaftlich genutzt werden. Umfangreiche Eingriffe in den Lebensraum durch den Menschen haben hier inzwischen zu deutlichen Veränderungen in der Struktur der Fischfauna geführt, die sich durch geplante zukünftige Maßnahmen und den Klimawandel noch verstärken werden.

Basierend auf Ergebnissen aktueller Forschungsprojekte werden im Vortrag die Struktur und Dynamik sowie der Erhaltungszustand der Fischfauna der Tideelbe dargestellt und mögliche zukünftige Entwicklungen aufgezeigt. Bereits jetzt ist eine Zunahme südlicher Meeresfischarten in der Tideelbe feststellbar, die auf eine Verschiebung der nördlichen Grenze ihrer Verbreitungsareale zurückzuführen ist. Auch sind Änderungen der Bestandsgröße mehrerer Fischarten nachweisbar bzw. für die Zukunft zu erwarten

 

Donnerstag, 24. April 2014, 19.30 Uhr

Prof. Dr. Jochen Schlüter, Hamburg

Meteoriten – Gefahr aus dem All?

Meteoriten enthalten Informationen aus der Zeit, als sich unser Sonnensystem bildete. Aus ihnen lassen sich physikalische und chemische Parameter des Sonnennebels und der frühen Erde herauslesen. Grund genug, sich mit den geheimnisvollen Materiebrocken aus dem Weltall zu beschäftigen und nachzufragen. Was sind Meteoriten eigentlich? Wo findet man sie? Aus was bestehen sie? Und wo kommen sie her?

Anhand aktueller Ereignisse widmet sich der reich bebilderte Vortrag auch der Frage, was bei einem Meteoritenfall passiert und wie gefährlich Meteoritenfälle für uns sind. Ferner nimmt er die Hörer mit auf Meteoritensuchexpeditionen des Mineralogischen Museums der Universität Hamburg in heiße und kalte Wüsten der Erde.

 

 Donnerstag, 27. März 2014, 19.30 Uhr

Dr. Hans-Helmut Poppendieck, Hamburg

Baumland – Geschichten von Bäumen im Norden

Von ausgewählten Bäumen aus Blicke auf die vom Menschen gestaltete Landschaft Norddeutschlands werfen, und die Biologie heimischer Bäume durch eine historische Dimension zu ergänzen – darum soll es in diesem Vortrag gehen.

Im Mittelpunkt stehen drei Geschichten:

Baumverwandlungen – Die Gurlitt-Eiche am Großen Binnensee vor 150 Jahren und heute.

Ein junger und ein alter Urwald – Loki Schmidts Wald am Brahmsee und der Bauernwald von Süderhackstedt.

Sparsam angewendet von großartiger Wirkung: Die Geschichte der Blutbuche.

 

Donnerstag, 13. Februar 2014, 19.30 Uhr

Prof Dr. Brigitte Urban, Lüneburg

Umweltrekonstruktion der Quartärabfolge und der paläolithischen Fundstellen von Schöningen mit den ältesten hölzernen Jagdwaffen der Menschheitsgeschichte.

In einem einzigartigen Archiv des europäischen Quartärs, der archäologischen Seeufer-Fundstelle Schöningen 13 II-4 im Tagebau Schöningen/ Lkr. Helmstedt sind die ältesten Holzspeere der Welt, zudem innerhalb ihres Kontextes, der Jagdbeute, erhalten geblieben.

Die quartärzeitlichen Ablagerungen von Schöningen werden fortlaufend detailliert multidisziplinär (geologisch, palynologisch, zoologisch etc.) bearbeitet, sodass Modelle der Genese erstellt werden können, die es ermöglichen, Aktivitäten des prähistorischen Menschen in eine rekonstruierte, sich wandelnde Landschaft zu platzieren.

Im Vortrag wird auf die gesamte Quartärabfolge in Schöningen, die etwa 500.000 Jahre umfasst, eingegangen und eine Landschafts-, Klima- und Umweltrekonstruktion vorgenommen. Fragen der chronologischen Einstufung und überregionale Korrelationen der Interglaziale und Glaziale werden ins- besondere auch vor dem Hintergrund der herausragenden archäologischen Bedeutung des Quartäraufschlusses thematisiert.

Ein besonderer Fokus wird auf der Umwelt- und Klimarekonstruktion der altpaläolithischen Fundstellen Schöningen 13 II aus der zweitältesten Warm- zeit (Reinsdorf Interglazial) der Schöninger Quartärabfolge liegen.

 

 Donnerstag, 23. Januar 2014, 19.30 Uhr

Dr. Peter Spork, Hamburg

Ist die sexuelle Orientierung epigenetisch gesteuert? Eine neue Theorie zur Entstehung der Homosexualität.

Die Epigenetik ist eine junge, immer wichtiger werdende Forschungsrichtung, die sich mit jenen Strukturen an und neben dem Erbgut beschäftigt, die den Einfluss der Umwelt auf das Erbe vermitteln. Die epigenetische Prägung ist besonders wichtig für die biologische Entwicklung eines jeden komplexen vielzelligen Organismus. Denn das epigenetisch fixierte Genaktivitätsmuster legt die Identität einer Zelle fest. So bestimmt es beispielsweise, ob eine Zelle sich zur Leber-, Nerven- oder Hautzelle entwickelt. Auch die Ausprägung primärer wie sekundärer Geschlechtsmerkmale fällt unter solche Entwicklungsprozesse.
Einer neuen Theorie zufolge, könnte sogar die Entstehung der Homosexualität epigenetisch gesteuert sein. Demnach verfestigen epigenetische Schalter an Genen, die die Wirkung des männlichen Sexualhormons Testosteron verstärken oder abschwächen, die geschlechtsspezifischen Eigenschaften eines heranwachsenden Menschen. Mathematisch erklärbare und evolutionsbiologisch sinnvolle systematische Abweichungen bei diesem Prozess können theoretisch die Prägung der sexuellen Orientierung beeinflussen und so zur Homosexualität führen. Dieses Modell würde das Rätsel erklären, dass es zwar eindeutige Hinweise auf die Erblichkeit der Homosexualität gibt, dass man aber keinerlei genetische Markierung für Homosexualität finden kann und eineiige Zwillinge sich oftmals sexuell unterschiedlich orientieren.
Ob das Modell stimmt, könnten Forscher schon bald mit relativ simplen Ansätzen testen. Gelänge der Beweis, wäre endgültig klar, dass Homosexualität weder Krankheit, noch Erziehungsprodukt ist, sondern lediglich eine völlig normale biologische Variante menschlichen Verhaltens. So könnte die Epigenetik vielleicht schon bald den Homosexuellen in ihrem Kampf gegen Diskriminierung helfen.

Allgemeine Veranstaltungen 2014

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Donnerstag, 12. Dezember 2013, 19.30 Uhr

Prof. Dr. Sibylle Raasch, Hamburg

Gleichstellung der Geschlechter durch Recht?  Das Beispiel Arbeitsleben und Betrieb

Schon 1949 hatten die Mütter und Väter des Grundgesetzes mit der Schaffung des Art. 3 Abs. 2 Grundgesetz („Männer und Frauen sind gleichberechtigt“) die Hoffnung verbunden, Recht könne wesentlich dazu beitragen, Geschlechtsdiskriminierung zu beseitigen und Geschlechtergleichheit zu fördern. 1994 wurde dann Art. 3 Abs. 2 noch durch einen weiteren Satz 2 verstärkt: „Der Staat fördert die tatsächliche Gleichberechtigung von Frauen und Männern und wirkt auf die Beseitigung bestehender Nachteile hin“.  Dennoch sind Frauen im Arbeitsleben bis heute deutlich benachteiligt, wenn man z.B. einen Gender Pay Gap (geschlechtsspezifische Einkommensdifferenz) von 23%, speziell die Situation von erwerbstätigen Müttern oder die starke Unterrepräsentanz von Frauen in sog. Männerberufen und auf Führungspositionen betrachtet. Der deutsche Gesetzgeber hat sich erst unter dem Druck der EU widerstrebend Ende 2006 mit dem Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz (AGG) zu einem ersten umfassenderen Antidiskriminierungsgesetz durchgerungen. Ob und wie dieses AGG in den Betrieben den Druck in Richtung auf mehr Geschlechtergerechtigkeit erhöht hat, also tatsächlich wirkt, soll Gegenstand des Vortrags sein. Den Hintergrund bilden verschiedene empirische Evaluationsstudien, unter anderem auch eine Unternehmensbefragung im Hamburger Raum, die die Vortragende zusammen mit Prof. Daniela Rastetter und Studierenden der Universität Hamburg/Fachbereich Sozialökonomie durchgeführt hat.

 

Montag9. Dezember 2013, 19.30 Uhr

Prof. Dr. Volker Sommer, London

Mann und Frau als Männchen und Weibchen. 

Perspektiven der Primatologie

Ob Vielweiberei, Vielmännerei, Einehe oder Gruppenehe die „natürliche“ Lebensweise für den Menschen sei – darüber streiten Moralapostel, Politiker und Theologen seit langem. Nicht zuletzt ist diese Frage auch politisch relevant, berührt sie doch das Problem, ob bestimmte Formen des Zusammenlebens von Männern und Frauen biologisch vorstrukturiert sind oder lediglich kulturell geformt.  Die Verhaltensforschung versucht diese Kontroverse durch einen Vergleich mit unseren stammesgeschichtlichen Verwandten zu lösen: den Affen und Menschenaffen. Im Jahre 1967 unternahm der britische Verhaltensbiologe Desmond Morris in seinem Bestseller „The Naked Ape“ erstmals den Versuch, speziell das Sexualverhalten des Menschen zu vergleichen mit dem sogenannter „nichtmenschlicher“ Primaten. Mittlerweile sind die von Morris vertretenen Auffassungen – die fast vollständig auf Beobachtungen an Affen in Gefangenschaft beruhten – gänzlich überholt, da in den 60er Jahren die Freilandforschung an Primaten in großem Maßtab begann. Dabei wurde einerseits deutlich, daß Primatenarten verschiedenste Paarungs- und Fortpflanzungssysteme entwickelt haben. Andererseits zeichnet sich ab, dass – ähnlich wie beim Menschen – unter veränderten ökologischen Bedingungen selbst innerhalb einer Spezies eine außerordentliche Flexibilität der sozialen Organisation festzustellen ist. Charakteristika in Körperbau und Verhalten wie Form und Größe der Genitalien oder die Dauer des Koitus spiegeln offenbar Prozesse der „geschlechtlichen  Zuchtwahl“ wider – und erlauben deshalb frappierende Rückschlüsse auf die biologische Herkunft der „nackten Affen“ und der Geschlechterrollen von Mann und Frau.

 

Donnerstag, 28. November 2013, 19.30 Uhr

Prof. Dr. Claudia Quaiser-Pohl, Koblenz

Warum Frauen glauben, sie könnten nicht einparken und Männer ihnen Recht geben

„Typisch Mädchen“, wem würde das angesichts einer liebevoll mit ihrer Puppe spielenden Fünfjährigen, die dazu noch „nahe am Wasser gebaut“ hat, nicht durch den Kopf gehen. Auch ein Gleichaltriger, der mit seinen Freunden wild tobt und rangelt und am liebsten Fußball spielt, wird von seinem Umfeld einhellig als „richtiger“ Junge eingestuft. Sind das alles nur Stereotype oder können Frauen wirklich nicht einparken? Aus der psychologischen Forschung weiß man, dass Mädchen im Durchschnitt früher sprechen, schlechter räumlich denken können und häufiger Probleme mit dem Rechnen haben als Jungen. Jungen dagegen zeigen öfter externalisierende Verhaltensauffälligkeiten wie Aggression und Gewalt. Woher kommen diese geschlechtstypischen Verhaltensunterschiede? Im Vortrag werden Befunde zu psychologischen Geschlechterunterschieden vorgestellt. Dabei wird diskutiert, wie diese von biologischen und soziokulturellen Einflüssen abhängen und welche Rolle Eltern, Erziehern/Lehrern und Gleichaltrigen aber auch jedem selbst dabei zukommt. Die Wechselbeziehungen zwischen biologischen Faktoren, gesellschaftlichen Erwartungen und kulturellen Praktiken sollen exemplarisch anhand der dauerhaft geringen Beteiligung von Frauen an MINT-Berufen (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik) oder der aktuellen Diskussion um Frauen in Führungspositionen verdeutlicht werden.

 

Montag, 18. November 2013, 19.30 Uhr

Prof. Dr. Wulf Schiefenhövel, Andechs

Geschlechterrollen, Sexualität und Liebe in Melanesien

In seinem Buch „The Sexual Life of Savages“ (1929) schockierte Bronislaw Malinowski das Publikum: „Kinder haben richtigen Sex“, „unverheiratete junge Leute sind nicht eifersüchtig“   –  das waren Botschaften so ganz nach dem Geschmack der postviktorianischen, die Sexualität neu entdeckenden Gesellschaft. Zudem behauptete er: „der Zusammenhang zwischen Beischlaf und Schwangerschaft ist den Trobriandern unbekannt“. Daraus ergaben sich Folgerungen für Form und Funktion der Familie, wie sie auch von Morgan und Engels diskutiert wurden. Neue, auch eigene Feldforschungen haben ergeben, daß Malinowski gerade in diesem Buch grobe Fehler unterlaufen sind. Andere seiner Charakterisierungen sind nach wie vor richtig. Die Trobriander haben eine matrilineare Deszendenzregel, d.h. die Kinder werden in den Klan der Mutter gerechnet, ihre Wohnungen nehmen junge Paare virilokal, die politischen Geschicke liegen in den Händen mächtiger, polygyn verheirateter Häuptlinge. Es handelt sich also keinesfalls um ein „Matriarchat“. Die Eipo, Gartenbauer, Jäger und Sammlerinnen im unzugänglichen Hochland von West-Neuguinea sind wie alle Papua-Gesellschaften patrilinear, virilokal, haben ein „big men“-System der politischen Führung und einen stark ausgeprägten kulturellen Dimorphismus der Geschlechter. In beiden Ethnien gibt es die „romantische Liebe“, d.h. den physiologischen und psychologischen Ausnahmezustand der Verliebtheit. Dieser Befund steht ganz im Gegensatz zu der in Kultursoziologie und verwandten Fächern nach wie vor vertretenen Behauptung, dass die romantische Liebe ein Produkt der europäischen Entwicklungen zu Beginn der Renaissance sei. Ich werde neben anderen Dokumenten Liebeslieder aus Neuguinea präsentieren, die für vorschriftliche Kulturen Verzückung und Zuneigung, wie sie für die romantische Verliebtheit typisch sind, belegen. Sie sind zudem Beispiele für die bemerkenswerte Tatsache, daß tiefe Emotionen wie Verliebtheit und Trauer häufig in Poesie und nicht in Prosa ausgedrückt werden. Ein weiteres kulturinvariantes Universale. Evolutionsbiologie und kulturenvergleichende Humanethologie können, das wird eine der Kernaussagen des Vortrags sein, für Geschlechterrollen, Sexualität und Liebe besonders fundierte Aussagen treffen.

 

Donnerstag, 14. November 2013, 19.30 Uhr

Prof. Dr. Bettina Pfleiderer, Münster

Gehirne im Tanz der Hormone

In diesem Vortrag soll gezeigt werden, welchen Einfluss Hormone auf die Gehirnentwicklung, unser Verhalten, Gedächtnis und unsere Sinneswahrnehmung z.B. Schmerz haben können. Was ist los im Gehirn eines Jugendlichen? Was verändert sich während der Pubertät? Wie unterscheiden sich die Gehirne von Jugendlichen und Erwachsenen? Sind wir Opfer unserer Hormone? Gibt es Geschlechtsunterschiede? Was passiert bei Frauen während und nach der Menopause? Schon diese wenigen Fragen zeigen, wie vielfältig der Einfluss von Hormonen ist und sehr stark vom jeweiligen Lebensalter abhängt. Beispielsweise zeichnet sich die Pubertät durch einen chaotischen Tanz der Hormone aus. Nicht nur das Verhalten wird stark durch die Hormone beeinflusst, sondern auch die Gehirnstruktur. Aber auch in der Zeit danach greifen Hormone in unseren Gehirnstoffwechsel ein und beeinflussen Sinneswahrnehmungen oder Gedächtnisleistungen.

 

Donnerstag, 7. November 2013, 19.30 Uhr

Prof. Dr. Walter Traut, Lübeck

Warum eigentlich zwei Geschlechter?

Der biologisch relevante Teil unserer Sexualität hat ein stattliches stammesgeschichtliches Alter. Nach frühen Formen des genetischen Austauschs bei Prokaryonten trat die geregelte Form der Sexualität mit der Entstehung der Eukaryonten auf, der Wechsel zwischen einer Gametenfusion mit Vereinigung der Chromosomensätze und einer Rückkehr zum einfachen Satz in den Reifeteilungen. Spätestens vor etwa  600 Millionen Jahren, beim Übergang zur Metazoen-Welt, nahmen unsere stammesgeschichtlichen Vorfahren die jetzige Form der Sexualität an: Sexualität im Dienste der Vermehrung und die Gametenfusion als Befruchtung von Eizellen durch Spermien.

Eizellen und Spermien werden entweder in getrennten Individuen, Weibchen und Männchen, erzeugt oder in denselben Individuen, Zwittern. Bei Tieren überwiegen getrenntgeschlechtliche Arten. Die Entwicklung zu Weibchen und Männchen erfordert eine robuste genetische Steuerung, um unfruchtbare sexuelle Zwischenstufen zu vermeiden. Das primäre Signal, das die Entwicklung zu Weibchen oder Männchen auslöst, ist aber überraschenderweise in der Evolution kaum konserviert. Besser konserviert sind dagegen die nachgeordneten genetischen Schalter, die das Signal an Gene weitergeben, die für die Ausbildung weiblicher oder männlicher Merkmale zuständig sind.

Sexualität wird als notwendige Bedingung für eine rasche genetische Anpassung an veränderte Umweltbedingungen angesehen. Die zweigeschlechtliche Fortpflanzung ist ein Erfolgsmodell der Evolution. Das ist allerdings populationsgenetisch nicht zu verstehen; denn sie hat offensichtliche Nachteile gegenüber Parthenogenese oder vegetativer Fortpflanzung: hohe Investitionskosten durch die Erzeugung von Weibchen und Männchen und eine fünfzigprozentige Einbuße an Darwinscher Fitness, der Weitergabe der eigenen Gene. Einige Tiergruppen haben aber Ausweichlösungen für dieses Problem gefunden durch die Erzeugung von Zwergmännchen oder die Einführung von ‚rare sex‘. Einen klaren Kompromiss zeigen Arten mit einem Generationswechsel zwischen bisexueller und parthenogenetischer oder vegetativer Fortpflanzung.

 

 

Der Naturwissenschaftliche Verein in Hamburg hat für seine diesjährige Vortragsreihe das  aktuelle Thema Geschlechterforschung ausgewählt, mit der Zielrichtung, in der anhaltenden Diskussion über Unterschiede zwischen Mann und Frau Informationen aus verschiedenen wissenschaftlichen Fächern verfügbar zu machen. Das Stichwort „Unterschiede” bezieht sich auf biologisch-medizinische Aussagen und ebenso darauf, dass Frauen und Männer – auch in der abendländischen Gesellschaft der Vergangenheit und der Gegenwart – keine gleichartige Behandlung erfahren. Dass bei letzterem immer kulturelle und soziale „Überformungen” biologischer Geschlechterunterschiede eine bedeutende, vielleicht auch entscheidende Rolle spielen, soll erkennbar werden.

Auch unsere Art, Homo sapiens, existiert, dies ist eine Binsenwahrheit, in zwei Geschlechtern, Mann und Frau. Ebenso wahr aber weniger bekannt ist, dass die Zweigeschlechtlichkeit und die damit verbundene geschlechtliche Fortpflanzung ein uraltes Erbe des Lebens auf unserer Erde ist – die zweigeschlechtliche Fortpflanzung ist ein Erfolgsmodell der Evolution, wie einer unserer Referenten formuliert. Wir tragen daher das Schicksal der Zweigeschlechtlichkeit gemeinsam mit den vielzelligen Tieren und sehr vielen Pflanzen.

Der inhaltliche Bogen unserer Vorträge ist weit gespannt: Zuerst werden Entstehung und evolutiver Gewinn der Zweigeschlechtlichkeit erläutert, sodann wird gezeigt, welchen Einfluss Hormone, auch Geschlechtshormone, auf das Gehirn und seine Entwicklung nehmen. Geschlechterrollen und Sexualität bei Menschen in einer „neu-steinzeitlichen” Kultur in Melanesien sind Gegenstand des dritten Vortrages. Aus dem Fach der Psychologie stammen die Untersuchungen über geschlechtsspezifische Verhaltensunterschiede und darüber, wie biologische Faktoren mit gesellschaftlichen und kulturellen Einflüssen zusammenwirken. Die Primatenforschung unternimmt den Versuch, aus der Analyse der Sexualbiologie unserer nächsten Verwandten Rückschlüsse auf die Geschlechterrollen beim Menschen zu ziehen. Zum Abschluss der Vortragsreihe wird aus juristischer Sicht über Gleichstellungsfragen und -probleme im Arbeitsleben berichtet und damit der Anschluss an aktuelle Diskussionen in der Öffentlichkeit gefunden.

Der Vorstand des Vereins freut sich sehr, dass er seinen Mitgliedern und deren Gästen zu dem sehr aktuellen, gesellschaftspolitisch wichtigen Thema der Geschlechterforschung ein breites Spektrum von Vortragsthemen anbieten kann. Wir sind sehr dankbar, dass sich zur Mitwirkung an der Vortragsreihe weithin ausgewiesene Redner haben gewinnen lassen.

Harald Schliemann

Öffentliche Vortragsreihe 2013:

Geschlechterforschung

 

 

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Donnerstag, 24. Oktober 2013, 19.30 Uhr

Dr. Gerald Mayr, Frankfurt

5 Meter Spannweite und „bezahnte“ Kiefer – Pseudozahnvögel, die kaum bekannten Riesen des Tertiärs

Die ausgestorbenen Pseudozahnvögel (Pelagornithidae) waren weit verbreitete Hochseevögel, die seit dem Paläozän, vor etwa 50 Millionen Jahren, bekannt sind, und deren letzte Art erst vor etwa vor zwei Millionen Jahren ausstarb. Pseudozahnvögel sind durch zahnartige Knochenzacken an den Schnabelrändern charakterisiert, die ohne Beispiel unter den rezenten Wirbeltieren sind. Die größten Vertreter erreichten eine Flügelspannweite von mehr als fünf Metern, und waren damit fast doppelt so groß wie die größten lebenden flugfähigen Vögel. Obwohl Fossilfunde dieser Vögel inzwischen von allen Kontinenten bekannt sind, ist die Vogelgruppe außerhalb von Fachkreisen kaum bekannt. Dies liegt vor allen daran, dass bis vor kurzem nur sehr fragmentarische Skelettfunde vorlagen, und erst in den letzten zehn Jahren haben neue Fossilien zu einem besseren Verständnis von Aussehen und Lebensweise dieser Vögel beigetragen. Der Vortrag gibt einen Überblick über diese faszinierenden Vögel und stellt ein vor wenigen Jahren beschriebenes, nahezu vollständiges Skelett vor, das zu den größten bekannten flugfähigen Vogelarten gehört.

 

Dienstag, 24. September 2013

Hirschbrunft im Duvenstedter Brook

Wegen der großen Resonanz vor zwei Jahren bieten wir diese Veranstaltung erneut an. Der Duvenstedter Brook ist eines der bedeutendsten Hamburger Naturschutzgebiete und aufgrund seiner Vielzahl seltener Biotope und Arten von europaweiter Bedeutung. Das Landschaftsmosaik aus Moor und Heide, Bruchwald, Wiesen und Gewässern bietet hervorragenden Lebensraum für die stärksten Hirsche Norddeutschlands. In dieser Wildnis im Norden Hamburgs lässt sich die spektakuläre Hirschbrunft von Unterständen aus meist gut beobachten.

Leitung: Dr. Uwe Westphal, Dipl.-Biologe und zertifizierter Natur- und Landschaftsführer

Treffpunkt: 17.30 Uhr am Naturschutz-Informationshaus Duvenstedter Brook, Duvenstedter Triftweg 140, 22397 Hamburg

Dauer: ca. 3-4 Stunden

 

Mittwoch, 21. August 2013, 17.30 Uhr

Im Reich des Ziegenmelkers – Naturkundlich-landschaftsökologische Führung
durch die Fischbeker Heide.

Für viele Menschen ist „die Heide“ nur eine lila Postkartenidylle. Auf dieser Wanderung wollen wir das Naturschutzgebiet Fischbeker Heide genauer erkunden: Warum ist es hier so hügelig? Wie ist diese uralte Kulturlandschaft entstanden? Welche Tiere und Pflanzen leben hier, und welche wichtige Rolle spielen die Heidschnucken? Erleben Sie den Lebensraum von Ameisenlöwe, Krähenbeere und Ziegenmelker einmal mit anderen Augen und genießen Sie die besondere Atmosphäre dieser Landschaft bei hereinbrechender Dämmerung und Vollmond.

Leitung: Dr. Uwe Westphal, Dipl.-Biologe und zertifizierter Natur- und Landschaftsführer Treffpunkt: 17.30 Uhr am Infohaus „Schafstall“, Fischbeker Heideweg 43a, 21149 Hamburg
Dauer: ca. 3 Stunden

 

Donnerstag, 23. Mai 2013, 19.30 Uhr

Prof. Dr. Gerold Rahmann, Westerau

Die Herausforderungen der Landwirtschaft

Die Landwirtschaft hat die Aufgabe, die Menschen mit ausreichendem und gutem Essen satt zu machen, je billiger um so besser. Dabei soll sie die natürlichen Ressourcen nicht über Gebühr strapazieren, die Landschaft pflegen und Tiere gut halten. Bei einer steigenden Weltbevölkerung ist dieses keine leichte Aufgabe, sie erscheint angesichts von fast sieben Milliarden Menschen und knapper werdendem Land und Energieproblemen fast aussichtslos. Macht da Biolandbau überhaupt noch Sinn? Er braucht doch im Vergleich mit dem konventionellen Landbau mehr Fläche für die gleiche Essensmenge. Prof. Dr. Gerold Rahmann wird über die gegenwärtigen Herausforderungen im weltweiten Kontext und mit lokalen Aspekten informieren. Er hat viele Jahre im Ausland gearbeitet, in mehr als 120 Ländern die Landwirtschaft erlebt, und ist seit 2000 Direktor des Thünen-Instituts für Ökologischen Landbau. Seine Hauptaufgabe ist die Beratung der Bundesregierung in Fragen der Entwicklung des Ökolandbaus von morgen, der umweltfreundlich, tiergerecht und effizient sein muss.

 

Mittwoch, 15. Mai 2013 17.30 Uhr

Ornithologische Exkursion mit Dr. Uwe Westphal in die Winsener Marsch

Die Kleientnahmestelle der Winsener Marsch mit ihren flachen Wasserstellen ist seit langem ein Geheimtipp bei Vogelfreunden. Wenn wir Glück haben, sehen wir Blaukehlchen, vielleicht alle vier Rohrsängerarten, Nachtigall und mehrere Wat- und Wasservogelarten; gelegentlich kommen auch Seltenheiten zur Beobachtung wie Seidenreiher, Sichler, Bienenfresser u.a.m.

Treffen um 17.30 Uhr in Winsen, Parkplatz„Schweinemarkt“, Ecke Altstadtring/Tönnhäuser Weg.
Diese Exkursion eignet sich auch für alle, die keine langen Fußmärsche machen möchten.

 

Donnerstag, 25. April 2013, 19.30 Uhr

Prof. Dr. Thomas Kaiser, Hamburg

Form und Funktion der Bezahnung – Schnittstellen zwischen Organismus und Lebensraum

Säugetiere sind in der Lage, sich fast alle tierischen und pflanzlichen Nahrungsquellen zu erschließen und äußerst effizient mit Energie umzugehen. Der Schlüssel für diese „Innovation“ liegt in Struktur und Funktion der Zähne. Die Zahnoberfläche ist somit integrale Schnittstelle zum Lebensraum. Durch Abnutzung verändert sie sich während der Lebensspanne jedoch stetig. Weil dies auch mit dem Verlust von Funktionen verbunden ist, haben sich Ausgleichsmechanismen entwickelt, die erst bei fortgeschrittenem Substanzverlust wirksam werden. Form und Mikromuster der Zahnoberfläche erschließen komplexe Umwelteinflüsse und Klimavariablen sowie deren Wandel in evolutiven Zeiträumen. Die Abrasivität der Nahrung steuert hierbei das Relief der Zahnoberfläche. Aus Fütterungsversuchen und aus der Praxis der Zoohaltung geht im Vergleich mit Individuen aus dem na- türlichen Lebensraum hervor, dass Laubfresser zu abrasiv, Grasfresser in der Regel jedoch zu wenig abrasiv gefüttert werden. Dies kann gravierende Funktionsstörungen zur Folge haben. Verfahren der 3D-Topometrie und der virtuellen Okklusion werden eingesetzt, um die Lebensraumparameter im natürlichen Lebensraum mittels groß- und kleinskaliger Merkmale zu rekonstruieren und im Analogieschluss Fütterungsempfehlungen für die artgerechte Haltung abzuleiten.

 

Donnerstag, 21. März 2013, 19.30 Uhr

Dr. Juliane Diller, München

Panguana – Biodiversitätsforschung und Regenwaldschutz im Reich der Sonnenralle

Die biologische Forschungsstation„Panguana“ wurde 1968 von dem Biologen-Ehepaar Koepcke, den Eltern der Vortragenden Juliane Diller, gegründet und ist ein wahrer Hotspot der Biodiversität. Das sieben Quadratkilometer große, mit unberührtem Primärwald bewachsene Studiengebiet befindet sich im oberen Amazonas-Einzugsbecken von Peru und wurde vor einem Jahr vom peruanischen Umweltministerium zum privaten Naturschutzgebiet erklärt.

Panguanas unglaubliche Artenvielfalt ist ein unerschöpflicher Fundus für spannende Forschungsarbeit, die Wissenschaftler aus aller Welt dort seit über 40 Jahren leisten und in zahlreichen Publikationen dokumentiert haben. Mit dem Konzept „Panguana“ soll ein einmaliges, faszinierendes Ökosystem erhalten werden. Die heute aus diesem Gelände bekannten, umfangreichen wissenschaftlichen Ergebnisse demonstrieren einen ganz außergewöhnlichen Lebensraum, können für den Schutz und das Studium anderer Urwaldgebiete als Modell dienen und führen außerdem zu der Erkenntnis, dass es sich hierbei um ein unschätzbares, unwiderbringliches Gut für uns Menschen handelt. Ein Vergleich alter Forschungsresultate mit neuen Untersuchungen ist vor dem Hintergrund der Klimawandel-Diskussion zunehmend wichtiger geworden. Juliane Diller berichtet über die Geschichte dieser ältesten biologischen Feldstation Perus, gibt Einblick in das Ökosystem von Panguana und die aktuelle Forschungsarbeit vor Ort und beleuchtet zugleich die immer größer werdende Bedrohung der amazonischen Regenwälder, deren Erhalt auch für den Fortbestand unserer eigenen europäischen Welt von entscheidender Bedeutung ist.

 

Donnerstag, 28. Februar 2013, 19.30 Uhr

Prof. Dr. Thorsten Burmester, Hamburg

Sauerstoffversorgung und Sauerstoffmangel bei Wirbeltieren

Um eine fortlaufende Energieproduktion sicherzustellen, haben Tiere eine Reihe von Strategien zur verbesserten Sauerstoffaufnahme und -verteilung entwickelt. Dazu gehören unter anderem die so genannten respiratorischen Proteine, die bei den Wirbeltieren zur Familie der Globine gehören. Hämoglobin und Myoglobin zählen dabei zu den bekanntesten und am besten untersuchten Proteinen in der biomedizinischen Forschung. Unsere Studien der letzten Jahre führten zur Entdeckung von sechs weiteren Globintypen: Androglobin, Neuroglobin, Cytoglobin, Globin E, Globin X und Globin Y. Die Untersuchung dieser „neuartigen“ Globine zeigt eine spannende Evolutionsgeschichte dieser Proteine und breit gefächertes Funktionsspektrum, teilweise jenseits der Sauerstoffversorgung.

Eine Reduktion der zur Verfügung stehenden Sauerstoffmenge kann durch Umweltbedingungen oder Krankheiten verursacht werden. Exemplarisch können anhand tauchender Säuger (Wale und Robben) und verschiedenen Fischarten verschiedene Strategien aufgezeigt werden, welche die Sauerstoffversorgung verbessern, den Sauerstoffverbrauch minimieren oder alternative Stoffwechselwege nutzen. Ein besonderer Fokus der vorgestellten Arbeiten liegt dabei auf dem Gehirn, welches bei Wirbeltieren besonders sensitiv gegenüber Sauerstoffmangel ist.

 

Donnerstag, 17. Januar 2013, 19.30 Uhr

Dr. Ralf Sonntag

Sharkquest – bei den Walhaien von Dschibuti

Trotz der Faszination über den größten Fisch der Erde, den Walhai, der größer wird als die meisten Walarten, ist nach wie vor sehr wenig über diese Tiere und ihre Lebensweise bekannt. Bis vor wenigen Jahren wusste man noch nicht einmal, ob die Tiere Eier legen oder lebend- gebährend sind. Woher kommen sie und wohin verschwinden sie? Selbst die Größe variiert in den Bestimmungsbüchern, die auf dem Markt sind. Eine der wenigen bekannte Fakten, nämlich sein guter Geschmack als„Tofufisch“, hat andererseits bereits zu seinem starken Rückgang beigetragen, und in den meisten Gebieten auf der Welt ist es ein absoluter Glücksfall, dem Walhai zu begegnen. Dschbuti ist einer der wenigen Plätze auf der Welt, wo man zumindest einen Teil des Jahres über regelmäßig Walhaie zu Gesicht bekommt. Deshalb wurde dieses Gebiet auch ausgewählt, um mehr über diese Tiere zu erfahren, insbesondere über ihre Ökologie, mögliche Wanderungen und ihre Fortpflanzung. Dr. Ralf Sonntag vom internationalen Tierschutzfonds (IFAW) hat an dieser Expedition teilgenommen und wird versuchen, in dem Vortrag zumindest einen Teil des geheimnisvollen Lebens dieser charismatischen Riesen darzulegen. Er wird nicht nur über den aktuellen Stand des Wissens über die Lebensweise und Biologie der Riesenfische berichten, sondern auch über den Schutz- status und einige aktuellen Projekte.

Daneben werden auch noch einige interessante Fakten über Haie im allgemeinen präsentiert.

Allgemeine Veranstaltungen 2013

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Donnerstag, 13. Dezember 2012, 19.30 Uhr

Alexander Porschke, Hamburg

Naturschutzpolitik für Hamburg Wo muss es hingehen?

Hamburgs günstige geografische Lage und ihr Strukturreichtum hat unserer Stadt das Potential eines Hotspots der Artenvielfalt geschenkt. Das müsste eigentlich Motiv genug für eine naturschutzförderliche Politik sein. Die Wirklichkeit sieht bekanntlich anders aus. Wo die Reise in eine aus Naturschutzperspektive vorbildliche Stadt hingehen muss, erläutert Hamburgs ehemaliger Umweltsenator und jetziger Vorsitzender des NABU Hamburg e.V., Alexander Porschke.

Er hat sich zum Ziel gesetzt, für die Spannung zwischen Wirklichkeit und Wunschvorstellung realitätstüchtige Vorschläge zu entwickeln. Sie sollen sich sowohl auf dieje- nigen Teile der Stadt beziehen, in denen Naturschutz Vorrang vor anderen Interessen haben soll, als auch auf die Stadtbereiche, in denen es umgekehrt ist. Sein Motto ist: Ein naturschutzfreundliches Hamburg ist möglich!

 

Donnerstag, 6. Dezember 2012, 19.30 Uhr

Bernd-Ulrich Netz, Haseldorf

Der Integrierte Bewirtschaftungsplan (IBP) für das Elbeästuar – eine Chance für den Naturschutz

Als größtes Ästuar der deutschen Nordseeküste hat das Elbeästuar eine herausragende Bedeutung für den Naturschutz. Eine Fläche von ca. 46.770 ha zwischen Geesthacht und der Elbmündung wurde von Hamburg, Niedersachsen und Schleswig-Holstein als NATURA 2000-Gebiet gemeldet.

Für dieses Gebiet wurde von 2008 bis 2011 der gemeinsame Integrierte Bewirtschaftungsplan erarbeitet, der die zukünftigen Maßnahmen zur Sicherung und Weiterentwicklung der ästuartypischen Lebensräume mit ihrer typischen Tier- und Pflanzenwelt darstellt.

Es wird der Planungsprozess dargestellt, der die Größe des Plangebiets, die Vielzahl der Lebensraumtypen und Arten sowie die vielfältigen Nutzungsansprüche in Bezug auf die Elbe und die Landflächen in einem breit angelegten Analyse- und Kommunikationsprozess berücksichtigt hat.

Der Schwerpunkt wird auf die Darstellung der geplanten Maßnahmen gelegt. Diese zielen auf besonders gefährdete Lebensräume wie die Auwälder und Arten wie Finte sowie Schierlings-Wasserfenchel ab. Daneben sind auch administrative und Kommunikationsmaßnahmen vorgesehen.

 

Donnerstag, 29. November 2012,19.30 Uhr

Prof. Dr. Kai Jensen, Hamburg

Naturschutz vor neuen Herausforderungen? Mögliche Auswirkungen des Klimawandels auf Ökosysteme der Metropolregion Hamburg

Ökosysteme werden auf vielfältige Weise von klimatischen Bedingungen beeinflusst. So bestimmen Temperatur und Niederschlag die großräumige Verbreitung von Arten und Ökosystemen auf der Erde. Auch innerhalb der Metropolregion Hamburg (MRH) existieren vergleichsweise ausgeprägte klimatische Gradienten, die für die heutige Verteilung charakteristischer Ökosysteme bedeutsam sind. Im Zuge des Klimawandels wird für den norddeutschen Raum nicht nur mit steigenden Temperaturen, sondern auch mit reduzierten Sommerniederschlägen gerechnet. Weiterhin können erhöhte CO2-Konzentrationen in der Atmosphäre, veränderte Verteilungen von Windrichtung und -stärke und auch ein verändertes Abflussgeschehen der Fließgewässer direkt oder indirekt Arten und Ökosysteme beeinflussen.

Im Rahmen des Forschungsvorhabens KLIMZUG-Nord wird seit 2009 untersucht, inwiefern sich der Klimawandel auf charakteristische Ökosysteme der MRH auswirkt. Hierzu wurden in Hochmooren, im Auengrünland sowie in Heiden Freilandexperimente etabliert, in denen der Sommerniederschlag um 25% reduziert wurde. In ästuarinen Marschen wird untersucht, ob die Sedimentationsraten ausreichend sind, um ein vertikales Mitwachsen der Marschen zu ermöglichen und somit den prognostizierten Meeresspiegelanstieg zu kompensieren. Schließlich wird im urbanen Raum der Frage nachgegangen, inwiefern die schon heute im Zentrum von Städten herrschenden Bedingungen (erhöhte Temperatur und CO2-Konzentration) urbane Ökosysteme beeinflussen.

Im Rahmen des Beitrags werden ausgewählte Ergebnisse dieser Studien vorgestellt. Weiterhin wird diskutiert, inwiefern die Auswirkungen des Klimawandels auf Arten und Ökosysteme eine Herausforderung für den Naturschutz darstellen oder gar eine partielle Neuausrichtung erfordern.

 

Donnerstag, 15. November 2012,19.30 Uhr

Prof. Dr. Günter Miehlich, Hamburg

Naturschutz handelt nicht nur von Pflanzen und Tieren
– über die Bedeutung und den Schutz der Standortfaktoren im Hamburger Naturschutz

Klima, Licht und Boden bestimmen wesentlich die Zusammensetzung von Pflanzen- und Tiergemeinschaften. Trotz der Bedeutung der sogenannten abiotischen Fakto- ren werden sie im Naturschutz oft als „gegeben“ und unveränderlich angesehen. Die Nutzungsgeschichte Mitteleuropas zeigt aber, dass kaum ein Fleckchen Erde von der Umgestaltung durch den Menschen verschont blieb. Dies gilt insbesondere für eine Metropolregion, in der auch aktuell erhebliche Eingriffe in die Umwelt stattfinden.

Die beiden Hamburger Naturschutzgebiete Heuckenlock und Boberger Niederung sind geeignete Beispiele, um die Bedeutung der abiotischen Faktoren für die Tier- und Pflanzengemeinschaften aufzuzeigen. Insbesondere für das NSG Boberger Niederung gilt, dass massive anthropogene Eingriffe in die Böden eine hohe Artenvielfalt bewirken. Obwohl im Bundesnaturschutzgesetz verankert, wird dem Schutz der abiotischen Faktoren in der naturschutzfachlichen Praxis wenig Beachtung geschenkt. Pflege- und Entwicklungsmaßnahmen bzw. Ausgleichs- und Ersatzmaßnahmen führen oft sogar zu massiven Eingriffen in die Standorteigenschaften, deren Folgen häufig nicht bedacht werden.

Donnerstag, 8. November 2012,19.30 Uhr

Dr. Helmut Poppendieck, Hamburg

Das Ende des Botanisierens?

Wir Hamburger haben von der Generation unserer Eltern und Großeltern eine bunte und vielfältige Stadtlandschaft übernommen – offenbar für die Lebensqualität genau die richtige Mischung aus Großstadt und Landlust. Wir sprechen von der „Grünen Stadt am Wasser“ und freuen uns, wenn man Hamburg attestiert, dass es botanisch einen „hotspot der Artenvielfalt“ darstellt. Aber wird es uns gelingen, dieses Kultur- und Naturerbe würdig unseren Kindern und Enkeln zu erhalten?

Botanisieren heißt soviel wie: Aufsuchen von Wildpflanzen an ihrem Standort. Vorkommen von Wildpflanzen sind „von selbst, spontan und ungeplant.“ Welche Chancen hat die spontane Flora und Vegetation in einer Stadt, in der die Überbauung von Freiflächen in den letzten zehn Jahren dramatisch angestiegen ist und der verbliebene Rest durchweg gärtnerisch begrünt wird? Und es geht nicht nur um Wildpflanzen, sondern auch um die von und an ihnen lebenden Wildtiere.

Grundlage der Betrachtung ist der gegenwärtige Zustand der Hamburger Pflanzenwelt, wie er im 2010 erschienenen „Hamburger Pflanzenatlas“ dokumentiert ist. Davon ausgehend soll diskutiert werden, welche Trends die Zukunft unserer Flora, die Zukunft unserer Stadtlandschaft und nicht zuletzt die Zukunft der naturkundlichen Bildung bestimmen werden.

 

Donnerstag, 1. November 2012,19.30 Uhr

PD Dr. Reinmar Grimm, Hamburg

Themen des Natur- und Umweltschutzes in Hamburg – eine Auswahl und eine Übersicht

Seit dem 1. Dezember 1978 gibt es in Hamburg eine Umweltbehörde. Ihre erste Bezeichnung war „Behörde für Bezirksangelegenheiten, Naturschutz und Umweltgestaltung“, ihr Präses der SPD-Senator Wolfgang Curilla. Seit 1981 gibt es das Hamburgische Naturschutzgesetz, das in seinem § 45 die Institution eines „Naturschutzrates“ vorsah. Er wurde 1982 eingerichtet, kann also in diesem Jahr auf ein 30-jähriges Bestehen zurückblicken.

Der Naturschutzrat hat seit seiner Gründung die Entwicklung der Natur und des Naturschutzes in Hamburg sorgfältig beobachtet. Er hat Konfliktfelder identifiziert, nachteilige Entwicklungen angeprangert und durch seine Beratungstätigkeit versucht, die mit den verschiedenen Regierungen aufeinander folgenden Umweltbehörden in ihrem Bemühen zu unterstützen, Natur und Umwelt in Hamburg vor Schaden zu bewahren und wo möglich positiv zu entwickeln.

Bereits im Jahr 1994 hat der Naturschutzrat eine Denkschrift mit dem Titel „Zur Situation des Naturschutzes in Hamburg“ verfasst, in der er eine allgemeine Einschätzung der damaligen Situation des Naturschutzes in Hamburg vornimmt und Empfehlungen an die für das Wohl Hamburgs Verantwortlichen ausspricht.

Was ist seither geschehen? Ausgehend von der Situation 1994 wird der Vortrag zeigen, welche Themen inzwischen die Diskussion des Natur- und Umweltschutzes in Ham- burg bestimmen. Dazu mussten nur die Sitzungsprotokolle des Naturschutzrates auf die Schwerpunktthemen hin durchgesehen werden, mit denen er sich über die Jahre befasst hat. Die so entstandene Liste ist zu lang, als dass man sie in einem einzigen Vortrag abarbeiten könnte. Deshalb habe ich nur die brisantesten und für die Entwicklung des Naturschutzes und auch des Umweltschutzes in Hamburg wichtigsten Themen ausgewählt.

An ihnen soll versucht werden zu veranschaulichen, wie Naturschutz in einer Metropolregion funktioniert oder auch nicht funktioniert und welch ungeheuer schwierige Aufgabe es für Hamburg ist, sein Image einer „Grünen Stadt“ mit all seinen Konse- quenzen zu verwirklichen und auch für die Zukunft zu erhalten.

Die Vergabe des Titels „Grüne Hauptstadt Europas“ an Hamburg im Jahre 2011 wurde von der Jury der Europäischen Kommission damit begründet, dass Hamburg in den vergangenen Jahren große Leistungen erbracht und auf der ganzen Bandbreite exzellente Umweltstandards erreicht habe. Die Stadt hätte sehr ehrgeizige Pläne für die Zukunft, die zusätzliche Verbesserungen versprächen. Diese positive Bewertung ist nicht unwidersprochen geblieben, im Gegenteil, Einzelpersonen und Verbände haben heftige und vielfältige Kritik geübt, so zum Beispiel, dass die Stadtoberen sich in dem Titel Umwelthauptstadt Hamburg gesonnt, aber nichts getan hätten, um Hamburg im Umweltbereich wirklich weiter zu bringen – im Gegenteil, in vielen Bereichen wäre zurück gerudert worden.

Die interessierten Hamburger Bürger sind angesichts dieser auseinandergehenden Meinungen verunsichert: Wo befindet sich Hamburgs Natur- und Umweltschutz? Auf dem richtigen Weg oder werden der Öffentlichkeit nur positive Entwicklungen vorgegaukelt? Dabei zeichnet sich der nächste Konflikt bereits überdeutlich ab: Immer größere Schiffe sollen ihre Ladung im Hamburger Hafen löschen können, hierfür fordern Wirtschaft und Politik mit großem Nachdruck eine abermalige Vertiefung der Elbe. Umweltverbände, Anliegergemeinden und Deichschützer machen gegen diese Forderung mobil – mit zahlreichen Argumenten sowie Klagen vor dem Bundesverwaltungsgericht und ggf. vor dem Europäischen Gerichtshof.

Der Naturwissenschaftliche Verein setzt mit der diesjährigen Vortragsreihe seine Bemühungen fort, die Mitglieder des Vereins, ihre Gäste und die interessierte Öffentlichkeit über diese zukunftsträchtigen Fragen des Natur- und Umweltschutzes grundlegend zu informieren, Fakten und Argumente kennenzulernen und Entscheidungen zu verstehen.

Der Vorstand des Vereins ist dankbar, dass sich die Redner der nachfolgend angekündigten Vorträge, allesamt seit Jahren im Natur- und Umweltschutz engagiert und ausgewiesen, bereit gefunden haben, diese Vortragsreihe mit zu gestalten.

Harald Schliemann, Ralf Thiel

Öffentliche Vortragsreihe 2012

Umwelt- und Naturschutz in der Metropolregion Hamburg – Erwartungen, Ansprüche und Realität

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 Donnerstag, 4. Oktober 2012, 19.30 Uhr

 Dr. Juliane Bräuer, Leipzig

Kognition bei Hunden – was sie über ihre Umwelt verstehen

 Einige Hundebesitzer behaupten: „mein Hund versteht alles“. Wissenschaftler haben den Hund hingegen lange als degenerierten Wolf betrachtet, der nur automatische Reaktionen auf bestimmte Reize zeigt. Erst im letzten Jahrzehnt ist der Hund in den Fokus der Biologen und Psychologen gerückt, die sich mit Kognition beschäftigen. Kognition heißt Erkenntnisvermögen. Wir stellen uns also die Frage, wie das Tier seine Umwelt wahrnimmt und was es darüber versteht. Es hat sich herausgestellt, dass der Hund in einigen Bereichen so abschneidet wie viele andere Säugetiere auch. So kann er sich zum Beispiel gut im Raum orientieren, hat jedoch Probleme, kausale Zusammenhänge zu erkennen.

Es gibt jedoch einen Bereich, wo Hunde in ihrer langen Domestikationsgeschichte spezielle Fähigkeiten entwickelt haben. Dies ist der Bereich der sozialen Kognition, d.h. des Verständnisses der sozialen Umwelt. Insbesondere was seine Kommunikation mit dem Menschen angeht, scheint der Hund nach neuesten Erkenntnissen herausragend zu sein.

In meinem Vortrag möchte ich vorstellen, wie wir Studien zur Kognition durchführen, und was wir daraus schlussfolgern können. Ich werde darüber sprechen, wie der Hund die Zeigegeste versteht und ob er einschätzen kann, wenn er beobachtet wird. Des Weiteren werde ich neueste Studien zur Kooperation zwischen Mensch und Hund präsentieren. Dabei geht es um die Frage, unter welchen Umständen der Hund dem Menschen hilft, ohne dafür trainiert worden zu sein. Auch wenn in dieser jungen Forschungsrichtung natürlich noch viele Fragen offen bleiben, so können wir jetzt schon sagen, dass der Hund zwar nicht „alles versteht“, aber dass er insbesondere in sozialen Situationen sehr flexibel reagieren kann.

 

Donnerstag, 24. Mai 2012, 19.30 Uhr

Frau Prof. Dr. Jutta Schneider, Hamburg

Paarungsstrategien kannibalistischer Spinnen

Paarungssysteme beschreiben die Anzahl Paarungspartner pro Geschlecht. Während die Weibchen davon profitieren, die besten Paarungspartner auszuwählen, aber nicht unbedingt einen Fitnessvorteil durch steigende Zahlen von Paarungspartnern erhalten, ist es beim Männchen meist gerade umgekehrt (Batemansche Regel). Daraus ergeben sich die klassischen Geschlechterrollen mit polygamen Männchen und eher monogamen und wählerischen Weibchen. Die seltenen Fälle männlicher Monogamie werden generell mit der Bedeutung väterlicher Brutpflege für das Überleben der Jungen begründet.  Es wurde lange ignoriert, dass es diverse Arten gibt, deren Männchen monogam sind, ohne Brutpflege zu leisten, während die Weibchen dieser Arten sich mit mehreren Männchen paaren. Derartige monogyne Paarungssysteme sind besonders häufig bei Spinnen entstanden, kommen aber auch in anderen Taxa vor.

Neuere experimentelle und theoretische Arbeiten an verschiedenen Netzspinnenarten erlauben inzwischen ein relativ solides Verständnis der Evolution und der Dynamiken monogyner Paarungssysteme.  Diverse kuriose Anpassungen sind das Ergebnis dieses Paarungssystems und dazu gehören der sexuelle Kannibalismus, Beschädigung der Genitalien, „one-shot“ Genitalien und die Degeneration der Testes im erwachsenen Männchen.  Polyandrie und somit Spermienkonkurrenz sind entscheidende Voraussetzungen, aber Monogynie wird sich gegenüber Alternativen nur dann durchsetzen, wenn der Vaterschaftserfolg der monogamen Strategie den Populationsdurchschnitt übersteigt. In diesem Vortrag werde ich Ursachen und Konsequenzen eines monogynen Paarungssystems anhand von ausgesuchten Radnetzspinnenarten erläutern.

 

Mittwoch, 23. Mai 2012, 17.30 Uhr

Sanddünen und Urwald – das NSG „Boberger Niederung“

Das Naturschutzgebiet „Boberger Niederung“ im Südosten Hamburgs gehört zu den vielfältigsten Landschaftsräumen in Hamburg. Auf einer ausgedehnten Wanderung erleben Sie Sanddünen, Trockenrasen, Feuchtwiesen, den urigen Bruchwald des „Achtermoores“ und idyllische Uferpartien der Bille.

Dauer: ca. 4 Std., Leitung: Dr. Uwe Westphal

Treffpunkt: Naturschutz-Informationshaus Boberg, Boberger Furt 50, 21033 Hamburg

ÖPNV: S 21 bis Mittlerer Landweg und Bus 221 bis Boberger Furtweg (2 min. Fußweg) oder U 2 bis Mümmelmannsberg und Metrobus 12 bis Schulredder (ca. 15 min. Fußweg).

 

Montag, 7. Mai 2012, 17.30 Uhr

Kühe statt Panzer – Neue Wege im Naturschutz im NSG „Höltigbaum“

Auf dem Gelände des ehemaligen Standortübungsplatzes „Höltigbaum“ sorgt eine ganzjährige großflächige, extensive Beweidung mit Robustrindern und Heidschnucken für eine „halboffene Weidelandschaft“, die der Urlandschaft Mitteleuropas nahe kommt. Fließende Übergänge zwischen Wald und offenem Grasland bieten Lebensräume für eine Vielzahl bedrohter Tier- und Pflanzenarten. Im Mittelpunkt der Führung steht die praktische Anschauung der in den letzten Jahren viel diskutierten „Megaherbivorentheorie“ als einer neuen Naturschutzstrategie.

Dauer: ca. 3 Std., Leitung: Dr. Uwe Westphal

Treffpunkt: Naturschutz-Informationszentrum „Haus der Wilden Weiden“, Eichberg 63, 22143 HH-Rahlstedt (Parkplätze vor Schranke am Ende der Straße „Eichberg“, von dort wenige Minuten Fußweg, ÖPNV: Buslinie 462, Haltestelle NSG Höltigbaum).

 

Donnerstag, 5. April 2012, 19.30 Uhr

Frau PD Dr. Ortrun Mittelsten Scheid, Wien

Arabidopsis thaliana: Die unglaubliche Karriere einer Modellpflanze

Wie kommt es dazu, dass ein unscheinbares, ungenießbares und auch sonst unverwertbares Pflänzchen mit dem deutschen Namen Ackerschmalwand zu einem der am besten untersuchten Lebewesen wurde?

Warum haben WissenschaftlerInnen auf der ganzen Welt ihren Erfindungsreichtum, Jahrzehnte ihres Lebens und Millionen von Forschungsmitteln investiert, um dieses Wissen anzusammeln? Was hat Arabidopsis, das andere Pflanzen nicht haben?

Die Besonderheiten der Pflanze, die Möglichkeiten der Grundlagenforschung, die Methodenentwicklung und viele Persönlichkeiten sind die Basis einer Erfolgsgeschichte, die noch nicht zu Ende ist.

 

Donnerstag, 22. März 2012, 19.30 Uhr

Prof. Dr. Guido Dehnhardt, Rostock:

Das Vibrissensystem der Robben: Vom biologischen Phänomen zur technischen Anwendung

Die besondere Bedeutung des Vibrissensystems, umgangssprachlich meist als Barthaare bezeichnet, wurde für Robben in verschiedenen Untersuchungen demonstriert. Neben morphologischen Analysen an Vibrissen-Follikeln, die eine sehr hohe Innervierung beschreiben, zeigen infrarot-thermographische Aufnahmen eine selektive Durchblutung der Follikel, die eine taktile Empfindlichkeit des Systems auch in kalter Umgebung aufrecht erhält. Verhaltensexperimente belegten die Fähigkeit von Seelöwen, Seehunden und Walrossen zur Unterscheidung von Größe, Form und Oberfläche eines mit den Vibrissen aktiv betasteten Objektes. Vor allem Seehunde zeigen darüber hinaus die erstaunliche Fähigkeit, unter Wasser sogenannte hydrodynamische Spuren, wie sie hinter sich im Wasser fortbewegenden Objekten wie Fischen oder auch U-Booten auftreten, aufzuspüren und zu verfolgen. Seehunde sind somit in der Lage, aus einer schnellen Eigenbewegung heraus hydrodynamische Störungen zu detektieren. Dies ist insbesondere mit einem Reizaufnehmer möglich, der nicht selbst durch den von der Bewegung durch das Medium verursachten Strömungsabriss mechanisch gestört wird, eine Bedingung, die beim Seehund durch die spezielle Oberflächenstruktur der Vibrissen erfüllt wird. Das Verständnis der Funktionsweise der Vibrissen am lebenden Tier bietet vielfältige Möglichkeiten für technische Anwendungen und ist damit ein aktuelles Beispiel der Bionik und einer gelungenen biologisch-ingenieurwissenschaftlichen Kooperation.

 

Donnerstag, 23. Februar 2012, 18.00 Uhr:

Prof. Dr. Reinhold Hanel, Hamburg:

Die vielen ungelösten Rätsel im Leben des Europäischen Aals

Der Europäische Aal ist wohl eine der ungewöhnlichsten Fischarten der Welt. Trotz intensiver Forschung ist es immer noch nicht geglückt, den Lebenszyklus dieses Wanderfisches zu verstehen. Ein Leben auf Wanderschaft birgt viele Gefahren, kaum eine Fischart musste in den letzten Jahrzehnten einen ähnlichen Bestandsrückgang hinnehmen. Mittlerweile gilt der Aal-Bestand als außerhalb sicherer biologischer Grenzen, verglichen mit Werten aus den 1960er und 1970er Jahren, ist vor allem das Jungfischaufkommen um mehr als 95% gesunken. Dies führte zu einer Vielzahl von Aktivitäten zum Schutz der in ihrem Bestand bedrohten Art, u.a. die Verpflichtung für alle EU-Mitgliedsstaaten, Managementpläne zum Schutz des Aals zu erarbeiten sowie die Einführung eines vollständigen EU-Einfuhr- und Ausfuhrverbots für Aal.

Zusätzlich wurde der Aal unter Anhang 2 des Washingtoner Artenschutzabkommens gelistet, also auf derselben Stufe wie so bedrohte Großsäuger wie der Eisbär. Ob diese Maßnahmen tatsächlich ausreichen werden, eine Trendumkehr zu bewirken und den Aal als Charakterart unserer heimischen Binnen- und Küstengewässer zu erhalten, werden die nächsten Jahre zeigen. Trotz intensiver Forschung bleiben viele Rätsel zum Lebenszyklus dieser einzigartigen Fischart weiter ungelöst, vor allem die Geheimnisse rund um seiner Fortpflanzung.

Mit modernster Technik versuchen Wissenschaftler nun erneut, dem Aal auf die Spur zu kommen und ihn bis zu seinen Laichplätzen in der Sargassosee zu verfolgen. Ein besseres Verständnis der Umweltbedingungen an den Orten der Eiablage gilt als eine wichtige Voraussetzung für eine Beurteilung des Einflusses von Klimaveränderungen auf die Bestandsentwicklung des Aals ebenso wie für eine erfolgreiche künstliche Reproduktion.

 

Donnerstag, 26. Januar 2012, 19.30 Uhr:

PD Dr. Berhard Hausdorf, Hamburg:

Brauchen wir ein neues Artkonzept?

Neue Erkenntnisse über den Artbildungsprozess und die Natur der „Art“, die sich in den letzten zehn Jahren angehäuft haben, erfordern eine Korrektur des Artkonzepts. Immer mehr Untersuchungen zeigen, dass reproduktive Barrieren teilweise durchlässig für Genfluss sind, dass sich Arten trotz fortgesetzter Kreuzung untereinander differenzieren können, dass eine einzige Art polyphyletisch durch parallele Evolution entstehen kann, und dass ungeschlechtliche Organismen in Einheiten gegliedert sind, die Arten geschlechtlicher Organismen entsprechen. Die Konsequenzen dieser Ergebnisse für die Anwendbarkeit einiger der am weitesten akzeptierten oder innovativsten Artkonzepte werden diskutiert. Basierend auf einer Synthese von Ideen in existierenden Konzepten und den neuen Einsichten wird ein neues Artkonzept vorgeschlagen, in dem Fitness eine zentrale Rolle spielt. Arten werden als Gruppen von Individuen definiert, die reziprok durch Merkmale charakterisiert sind, die sich in anderen Gruppen negativ auf die Fitness auswirken würden und die nicht regelmäßig zwischen den Gruppen ausgetauscht werden können, wenn diese in Kontakt kommen. Gegenüber bisherigen Artkonzepten hat dieses differentielle Fitness-Artkonzept den Vorteil, dass es in verschiedenen problematischen Fällen zu Einstufungen führt, die mit der tatsächlichen Verwendung des Begriffs „Art“ in besserer Übereinstimmung stehen. Gruppen, die trotz Genaustausch differenziert bleiben und sich weiter differenzieren, werden als Arten klassifiziert. Das Konzept ist nicht ist auf bestimmte Mutationen oder Mechanismen, die Artbildung verursachen können, beschränkt. Es kann für das gesamte Spektrum von Organismen angewendet werden, unabhängig davon, ob diese sich uniparental oder biparental fortpflanzen.

Allgemeine Veranstaltungen 2012

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Donnerstag, 15. Dezember 2011,19.30 Uhr:

Prof. Dr. Till Roenneberg, München

Leben zwischen innerer und äußerer Uhr

Tags ist der Mensch aktiv und nachts schläft er. Diese triviale Regelmäßigkeit hängt nur indirekt mit dem Wechsel von Licht und Dunkel zusammen. Alle Funktionen unseres Körpers stehen unter der Kontrolle einer inneren, biologischen Uhr, die allein durch den Licht-Dunkel-Wechsel (dem sogenannten Zeitgeber) mit den 24 Stunden unseres Erd-Tages synchronisiert wird. Wir spüren diese innere Tagesuhr beispielsweise nach langen Flügen über Zeitzonen oder bei der Umstellung auf Sommerzeit. Ist die innere Uhr defekt oder wird sie durch unnatürliche Tagesabläufe missachtet, wie zum Beispiel durch Schichtarbeit, führt dies zu Krankheiten.

Wie sich die innere Uhr eines Menschen in den Licht-Dunkel-Wechsel einbettet, wird von den Genen bestimmt. Dies führt zu einer Verteilung von sogenannten Chronotypen in der Bevölkerung, die von den „Lerchen“ bis zu den „Eulen“ reicht. Seitdem wir uns fast nur noch in Gebäuden aufhalten, bekommt die innere Uhr nur noch schwache Zeitgebersignale. Die Lichtintensitäten in Räumen sind bis zum tausendfachen schwächer als unter freiem Himmel, und unsere Nächte erhellen wir durch elektrisches Licht. Während die extremen Lerchen unter diesen schwachen Zeitgebern noch früher werden, verschiebt sich der biologische Innentag der Eulen immer weiter nach hinten. Als Folge liegt auch unser biologisches „Schlaffenster“ später, die herkömmlichen Arbeitszeiten sind jedoch relativ konstant geblieben. Diese Situation führt bei den meisten Menschen zu einer immer größer werdenden Diskrepanz zwischen Innen- und Außenzeit – eine Situation, die wir „sozialen Jetlag“ nennen. Die meisten von uns werden somit zu Dauerfrühschichtlern – damit verbunden sind gesundheitliche Folgen.

Donnerstag, 8. Dezember 2011, 19.30 Uhr:

Prof. Dr. Jörg H. Stehle, Frankfurt/M.

Die Uhren in unserem Kopf – wie messen Nervenzellen Zeit?

Der wiederkehrende Wechsel zwischen Tag und Nacht und die durch die Ekliptik der Erdachse bedingten Jahreszeiten haben das Leben auf unserer Erde von Anbeginn maßgeblich beein- flusst. Die Antizipation der sich ändernden Beleuchtungsverhältnisse stellt somit einen ganz entscheidenden Selektionsvorteil dar, um zum Beispiel Nahrungserwerb zu optimieren und Fressfeinden zu entgehen. Uhrenmechanismen, die mit einer circadianen (circa: ungefähr; dies: Tag) Periodenlänge ‚ticken’, kommen deshalb mit einem ganz ähnlichen molekularen Räderwerk in Lebewesen von Bakterien bis hin zu Säugetieren vor. Im menschlichen Gehirn hat sich ein Organisationsprinzip herausgebildet, bei dem ein zentraler circadianer Schrittmacher, der in einem sehr alten Hirnabschnitt liegt, allen anderen Organen, Geweben und Zellen den Takt vorgibt. Der Vortrag wird zunächst das Uhrwerk selbst vorstellen, dann Mechanismen der Weitergabe von ‚Uhrzeit’ an unseren Körper erläutern, und schließlich beispielhaft die Bedeutung der chronobiologischen Forschung für ein besseres Verständnis von Gedächtnisleistungen an Hand aktueller eigener Forschungsergebnisse erläutern.

 

Donnerstag, 1. Dezember 2011,19.30 Uhr:

Dr. Peter Spork, Hamburg

Warum wir schlafen. Neue Erkenntnisse über den wichtigsten Rhythmus des Menschen

Der Schlaf-Wach-Zyklus ist der wichtigste chronobiologische Rhythmus des Menschen. Dennoch ist die Frage nach dem evolutionsbiologischen Ursprung des Schlafes „wahrscheinlich die größte offene Frage der Biologie“ (Allan Rechtschaffen). Im- merhin hat die moderne Schlafforschung, vor allem die Neurobiologie zuletzt eine Reihe spannender Erkenntnisse gewonnen. Nun scheint klar: Alle Tiere müssen vermutlich schlafen, damit ihr Nervensystem optimal arbeiten kann und ihr Gedächtnis funktioniert. Sogar die Unterteilung des Schlafs in verschiedene Stadien scheint eine Folge der unterschiedlichen Arten von Gedächtnisbildung zu sein.

Außerdem kennt man inzwischen die chrono- und neurobiologischen Hintergründe für die Steuerung des Schlafes. Es gibt Rhythmusgeneratoren sowie Schlaf- und Erregungszentren, die gemeinsam mit anderen Einflüssen den Schlaf-Wach-Rhythmus bestimmen. Das so genannte Zweiphasenmodell der Schlafregulation fasst diese Erkenntnisse am besten zusammen. Ergänzt man es um das Wissen über so genannte ultradiane Rhythmen, lassen sich auch Phänomene wie das Schlafverhalten Neugeborener und die Architektur des Schlafes erklären. Ausreichender Schlaf nutzt indes nicht nur dem Gehirn. Er unterstützt das Immunsystem, hilft bei der Regeneration von Organen und sorgt für einen ausgeglichenen Stoffwechsel. Chronischer Schlafmangel erhöht das Risiko für psychische und körperliche Leiden, darunter Volkskrankheiten wie Depression und Metabolisches Syndrom. Überspitztes Fazit: Wir sollten ausreichenden Schlaf und die Vorgaben unserer Inneren Uhren wieder ernster nehmen, denn Schlafmangel macht dick, dumm, reizbar und krank.

 

Donnerstag, 24. November 2011,19.30 Uhr:

Prof. Dr. Dieter Mergenhagen, Hamburg

Chronobiologie – was ist das? Über Zeitmessung in der belebten Natur

Chronobiologie ist der Teilbereich der Biologie, der untersucht, wie Organismen sich in der Zeit orientieren, wie sie sich in der Zeit zurechtfinden, wie sie mit der Zeit umgehen. Als Zeitgeber für die Entwicklung von Zeitmesseinrichtungen wirken astronomische Größen wie u.a. Erdumdrehung, Mondumdrehung oder Tidenhub. Der wichtigste derartige Zeitgeber ist die tägliche Drehung der Erde um ihre Achse und die mit ihr verbundene Definition der Tageslänge. Durch sie wurde die Evolution einer Inneren oder circadianen Uhr erzwungen, die zahlreiche physiologische Parameter in den Organismen steuert. Sie findet sich auf jeden Fall im gesamten eukaryontischen Organismenreich von der einzelligen Alge bis zum vielzelligen Großtier wie etwa dem Pferd oder dem Menschen und sogar vereinzelt bei Prokaryonten wie z.B. den Cyanobakterien, ist aber erst seit wenigen Jahrzehnten allgemein als biologische Funktionseinheit anerkannt. Viele Wissenschaftler, die an dieser Inneren Uhr forschen, gehen auch heute noch davon aus, dass der Mechanismus, der hinter ihr steckt, bei vielen Organismen gleich oder ähnlich ist. Es wird angenommen, dass eine oder mehrere Rückkoppelungsschleifen letztlich die circadianen Schwingungen, die Ausdruck dieser Uhr sind, verursachen und dass sie vor allem im Zellkern ablaufen, aber auch ins Cytoplasma ausgreifen. Schwierigkeiten macht dabei die Tatsache, dass es auch Organismen gibt wie die einzellige Riesenalge Acetabularia, die auch ohne Kern eine Rhythmik zeigt, aber auch das Problem, wie mit einer einzigen Rückkoppelungsschleife die Präzision erreicht wird, die für eine Uhr unverzichtbar ist. Somit wird klar, dass über den Uhrmechanismus das letzte Wort noch nicht gesprochen ist. Noch sehr viel weniger ist über den zugrundeliegenden Mechanismus bei den anderen Circarhythmen wie Circannual-, Circalunar-, Circatidal- oder Circaseptan-Rhythmik bekannt.

Die Funktionen aller Lebewesen spielen sich in ihrer zeitlichen Abfolge in periodischen physiologischen Rhythmen ab. Dies gilt für Funktionszustände und Aktivitäten aller Organisationsstufen des Lebens, für die einzelne Zelle und für Gewebe ebenso wie für Organe, komplexe Organismen und Lebensgemeinschaften. Die Chronobiologie erfasst die Phänomene dieser rhythmischen Lebensäußerungen und erforscht sowohl ihre Ursachen als auch ihre Bedeutung für die zeitliche Organisation der Lebewesen.

Grundlegend ist, dass sich das Leben an die Rhythmen der Außenwelt (z.B. Tag- und Nachtwechsel, Wechsel der Jahreszeiten) durch die Entwicklung endogener Rhythmen angepasst hat – mit dem selektiven Vorteil der Stabilisierung der Lebensäußerungen und ihrer Synchronisation mit den Zeitgebern und Veränderungen der Umwelt. Störungen in diesem Gefüge können freilich auch zu Desynchronisationen und chronopathologischen Reaktionen führen.

Im ersten Referat unserer Vortragsreihe wird unser Mitglied Professor Mergenhagen aus der Hamburger Botanik die Grundlagen und Ziele chronobiologischer Forschung erläutern. Der Wissenschaftsjournalist Dr. Spork, ebenfalls Mitglied des Naturwissenschaftlichen Vereins, wird im zweiten Vortrag über die neuesten Erkenntnisse des Schlafes der Menschen und auch der Tierwelt referieren. Professor Stehle, Senckenbergische Anatomie Frankfurt, wird sodann berichten, wie die Uhren in unserem Kopf funktionieren, wie also die Nervenzellen die Zeit messen. Den Abschluss der Reihe bildet der Vortrag von Professor Roenneberg, Institut für medizinische Psychologie München, der u.a. über den sog. „sozialen Jetleg“ referieren wird, der sich durch Desynchronisation endogener Rhythmik und äußerer Signale ergeben kann.

Harald Schliemann

Öffentliche Vortragsreihe 2011:  

Chronobiologie

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Donnerstag, 27. Oktober 2011, 19.30 Uhr

Prof. Dr. Peter Scharff, Ilmenau

Die rätselhafte Größe Zeit

Nach dem Wesen der Zeit gefragt, sagte der Heilige Augustinus: „Was also ist Zeit? Wenn mich niemand danach fragt, weiß ich es. Will ich es einem Fragenden erklären, weiß ich es nicht.“ Zeit ist ein Pol einer dialektischen Spannung. So wurde sie auch im Alten Griechenland durch zwei Götter – Chronos und Kairos – dargestellt. Dabei steht Chronos für die physikalische, also objektiv messbare Zeit, und Kairos für unser Zeitempfinden. Für uns Menschen existiert stets eine wesentliche Eigenart